Wenn Band 2 einer Serie besser ist als Band 1: "To Love a God" von Anna Benning

Es gibt diese seltenen Momente beim Lesen, in denen alles stimmt. Die Geschichte, die Charaktere, das Pacing – einfach alles greift ineinander wie ein perfekt konstruiertes Uhrwerk. "To Love a God", der zweite Band von Anna Bennings Götterlicht-Saga, ist so ein Moment. Und ich muss ehrlich sagen: Ich bin beeindruckt.

Der direkte Einstieg: Keine Umwege

Kennt ihr das, wenn der zweite Band einer Reihe ewig braucht, um wieder in Fahrt zu kommen? Endlose Rekapitulationen, langsames Warmwerden, das Gefühl, dass die Autorin erst mal selbst wieder reinfinden muss? Hier: Fehlanzeige.

Benning packt mich von der ersten Seite an. Aurora ist auf der Flucht, weit weg von der Welt, die sie kannte. Aber die Vergangenheit lässt sie nicht los – und als Colden beschließt, nach Silver City zurückzukehren, um Galadon herauszufordern, folgt sie ihm. Zurück in die Höhle des Löwen.

Der Einstieg ist direkt, die Atmosphäre sofort da. Keine zehn Seiten Welterklärbär, keine künstliche Zusammenfassung des ersten Bandes. Stattdessen: Show, don't tell. Wir sind sofort mittendrin in Auroras Kopf, in ihren Ängsten, ihren Zweifeln, ihrer Entschlossenheit.

Aurora: Eine Protagonistin mit Narben

Was ich an Auroras Charakterentwicklung in diesem Band besonders schätze: Sie ist nicht plötzlich die strahlende Heldin geworden, die alle Probleme löst. Sie trägt die Narben ihrer Vergangenheit mit sich herum – physisch und emotional. Und Benning lässt sie damit nicht einfach davonkommen.

Aurora muss zurück an den Ort, der sie fast alles gekostet hätte. Sie ist umgeben von Feinden – manche offen, manche verborgen. Und sie muss lernen, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Diese inneren Konflikte sind greifbar, nachvollziehbar. Ich habe Aurora ihre Angst abgekauft, genauso wie ihren Mut.

Was mir als Autorin auffällt: Benning nutzt Trauma nicht als billige Charakterentwicklungs-Abkürzung. Aurora ist keine "broken but fierce"-Klischee-Protagonistin. Sie ist eine Person, die Schlimmes erlebt hat und lernen muss, damit umzugehen – mit allen Rückschlägen, die das mit sich bringt.

Colden: Komplexität statt Klischee

Colden könnte so leicht der typische "dunkler Held mit goldenem Herz"-Trope sein. Ist er aber nicht. Ja, er ist düster, ja, er hat seine Geheimnisse. Aber Benning gibt ihm Tiefe, die über das Offensichtliche hinausgeht.

Seine Entscheidung, nach Silver City zurückzukehren und Galadon herauszufordern, ist gleichzeitig logisch und riskant. Man versteht seine Motivation, man fühlt seine Verzweiflung. Aber man fragt sich auch: Um welchen Preis?

Die größte Gefahr ist Colden selbst, heißt es im Klappentext. Und das stimmt. Nicht, weil er ein Bösewicht wäre, sondern weil seine Entschlossenheit ihn blind machen könnte. Für die Konsequenzen, für Aurora, für sich selbst. Diese Ambivalenz macht ihn als Charakter unglaublich interessant.

Aurora und Colden: Eine Beziehung mit echtem Gewicht

Romantasy lebt von der Romance. Aber zu oft fühlt sich die Beziehung wie ein Add-on an, wie etwas, das parallel zur Haupthandlung läuft, ohne wirklich damit verwoben zu sein.

Hier? Nicht der Fall.

Die Beziehung zwischen Aurora und Colden IST Teil der Haupthandlung. Ihre Verbindung hat direkte Konsequenzen für die größere Geschichte. Was zwischen ihnen passiert, beeinflusst, wie sich der Konflikt mit Galadon entwickelt. Das gibt der Romance echtes Gewicht.

Und: Die Entwicklung ihrer Beziehung fühlt sich authentisch an. Es gibt Momente von Nähe, aber auch Momente, in denen sie aneinander vorbeireden, sich gegenseitig verletzen, zweifeln. Das ist keine perfekte Liebesgeschichte – es ist eine echte, mit all den Komplikationen, die entstehen, wenn zwei Menschen mit Trauma und eigenen Zielen versuchen, zueinander zu finden.

Aus Lektorensicht muss ich sagen: Benning versteht Beziehungsdynamik. Die Dialoge zwischen den beiden treiben nicht nur die Handlung voran, sie offenbaren auch Charaktertiefe. Nichts fühlt sich erzwungen an, nichts wie ein billiger Drama-Moment für den Effekt.

Silver City: Eine Welt unter Schreckensherrschaft

Das Worldbuilding war schon in Band 1 stark, aber hier wird es noch tiefer ausgelotet. Silver City unter Galadons Herrschaft ist kein schöner Ort. Die Lichtstadt, die einst strahlend war, ist jetzt ein Ort der Angst.

Benning zeigt uns das nicht nur durch Beschreibungen, sondern durch die Menschen, die dort leben. Die täglichen Hinrichtungen, die Unterdrückung, die Angst in den Augen der Bewohner – all das wird greifbar. Die politische Dimension der Geschichte bekommt dadurch echtes Gewicht.

Was mir als Leserin gefällt: Die Autorin verfällt nicht in Voyeurismus. Sie zeigt die Schrecken, ohne sie zu glorifizieren. Die Balance zwischen "genug zeigen, um die Stakes zu verdeutlichen" und "nicht zu viel zeigen, um nicht ins Gratuitous abzurutschen" ist schwer zu treffen. Hier gelingt es.

Plot und Pacing: Informationen zur richtigen Zeit

Einer der schwierigsten Aspekte beim Schreiben einer Serie ist die Informationsvergabe. Zu viel auf einmal überfordert, zu wenig frustriert. Benning hat hier ein gutes Händchen.

Die Plotwendungen kommen zur richtigen Zeit. Informationen werden dosiert freigegeben – gerade genug, um Fragen zu beantworten, aber auch neue aufzuwerfen. Das Pacing ist straff, ohne gehetzt zu wirken. Es gibt Momente zum Durchatmen, aber auch Szenen, in denen ich die Seiten nur so umgeblättert habe.

Aus Autorensicht beeindruckt mich besonders: Benning weiß, wann sie zurückhalten und wann sie offenbaren muss. Plottwists fühlen sich verdient an, nicht wie aus dem Nichts gezaubert. Man merkt, dass hier eine durchdachte Struktur dahintersteckt.

Charakterstimmen: Jede Figur klingt eigenständig

Ein Aspekt, der mir als Lektorin immer auffällt: Haben alle Figuren die gleiche Stimme, oder klingen sie unterschiedlich?

In "To Love a God" hat jede Figur ihren eigenen Ton. Aurora denkt und spricht anders als Colden, anders als die Nebenfiguren. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es klingt. Viele Autoren kämpfen damit, ihren Charakteren distinkte Stimmen zu geben.

Benning gelingt das. Man erkennt die Figuren an ihrer Art zu sprechen, zu denken, zu handeln. Das macht die Dialoge lebendiger, die Charaktere greifbarer.

High Stakes: Wenn die Gefahr real ist

Zu viele Fantasy-Geschichten leiden unter einem Problem: Man glaubt nie wirklich, dass die Protagonistin in Gefahr ist. Irgendwie weiß man, sie wird schon überleben, wird gewinnen, wird alles schaffen.

Hier bin ich mir da nicht so sicher. Und das ist gut so.

Benning scheut sich nicht vor hohen Einsätzen. Die Gefahr ist real, die Konsequenzen spürbar. Man hat das Gefühl, dass hier wirklich etwas auf dem Spiel steht – nicht nur für Aurora, sondern für alle, die sie liebt, für ganz Silver City.

Diese Unsicherheit hält die Spannung hoch. Man fiebert mit, man bangt, man hofft. Genau das soll gute Fantasy tun.

Das Ende: Herzrasen garantiert

Ohne zu spoilern: Das Ende dieses Bandes ist... intensiv. Benning weiß genau, wie man einen Serienband abschließt. Es gibt eine gewisse Abgeschlossenheit – man hat das Gefühl, dass diese Phase der Geschichte einen Punkt erreicht hat. Gleichzeitig öffnen sich neue Fragen, neue Konflikte, neue Möglichkeiten.

Ich sitze jetzt hier und brauche dringend Band 3.

Fazit: Ein Romantasy-Band, der sein Genre ernst nimmt

"To Love a God" ist mehr als nur ein solider zweiter Band. Es ist ein Beispiel dafür, wie Romantasy funktionieren kann, wenn man das Genre ernst nimmt. Wenn man starke Charaktere schreibt, die echte Entwicklung durchmachen. Wenn man eine Fantasy-Welt aufbaut, die mehr ist als nur Kulisse für die Romance. Wenn man hohe Einsätze setzt und sich nicht davor scheut, seine Figuren leiden zu lassen.

Anna Benning hat mit diesem Band bewiesen, dass sie ihr Handwerk versteht. Die Plotstruktur ist durchdacht, die Charaktere vielschichtig, das Worldbuilding dicht. Und die Romance? Die funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie organisch Teil der größeren Geschichte ist.

Für mich ist "To Love a God" ein klares Lesehighlight. 5 von 5 Sternen, ohne Wenn und Aber. Wer Romantasy mit Substanz sucht, starke Frauenfiguren und komplexe Beziehungsdynamiken liebt, sollte die Götterlicht-Saga unbedingt lesen.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mich irgendwie bis Band 3 gedulden...

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