The Things Gods Play - Schattenverführt: Wenn narrative Ambition auf emotionale Tiefe trifft
Es gibt Fortsetzungen, die den ersten Band übertreffen. Und es gibt Fortsetzungen, die unter der Last ihrer eigenen Ambition etwas ins Wanken geraten. „The Things Gods Play - Schattenverführt" von Abigail Owen ist irgendwo dazwischen angesiedelt – ein Buch, das gleichzeitig brilliert und stolpert, das mich emotional gepackt und strukturell manchmal verloren hat.
Die emotionale Kerngeschichte: Hades und Lyra
Beginnen wir mit dem, was wirklich funktioniert: Die Beziehung zwischen Hades und Lyra ist das schlagende Herz dieses Buches, und Owen gibt ihr den Raum und die Tiefe, die sie verdient. Nach dem ersten Band, in dem die Grundlage gelegt wurde, entwickelt sich ihre Dynamik hier zu etwas Vielschichtigem, Berührendem.
Das ist keine schnelle Romantasy-Romance, bei der sich zwei attraktive Charaktere in der ersten Krise ineinander verlieben. Owen nimmt sich Zeit. Sie zeigt Verletzlichkeit, Konflikte, Missverständnisse – all die Dinge, die echte Beziehungen ausmachen. Hades' Bereitschaft, für Lyra „die Welt in Schutt und Asche zu legen", wirkt nicht wie eine leere romantische Phrase, sondern wie eine logische Konsequenz seiner Charakterentwicklung.
Die Charakterisierung bleibt durchgehend stark. Ich fiebere mit Lyra mit, seit ich sie in Band 1 kennengelernt habe, und das hört auch hier nicht auf. Ihre Entscheidungen, ihre Ängste, ihre Stärke – alles fühlt sich authentisch an. Das ist handwerklich sauberes Character Work, und als Autorin weiß ich, wie schwierig es ist, diese Konsistenz über mehrere Bände aufrechtzuerhalten.
Das Setting: Tartaros als gefährlicher Spielplatz
Owen nutzt die griechische Mythologie kreativ und spannend. Der Tartaros als Gefängnis der Titanen ist atmosphärisch dicht, die Monster und Herausforderungen sind originell und gefährlich. Die Autorin versteht es, Spannung aufzubauen und die Stakes real wirken zu lassen. Lyra ist tatsächlich in Gefahr, und das spürt man als Leserin.
Die mythologischen Elemente werden nicht einfach als Kulisse benutzt, sondern sind integraler Bestandteil der Handlung. Die Titanen sind nicht nur böse Schurken, sondern haben Motivationen, Geschichte, Tiefe. Das Worldbuilding funktioniert, weil es organisch mit der Story verwoben ist.
Die narrative Struktur: Ambition vs. Klarheit
Und hier kommen wir zum großen Aber. Die Erzählstruktur von „Schattenverführt" ist komplex – zu komplex für das, was die Geschichte eigentlich erzählen will. Owen arbeitet mit multiplen Zeitsprüngen, kombiniert diese mit POV-Wechseln, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden, und jongliert gleichzeitig mehrere parallele Handlungsstränge.
Theoretisch ist das eine spannende narrative Entscheidung. In der Praxis hat es mich als Leserin mehrfach aus dem Flow gerissen. Ich musste zurückblättern, um zu sortieren: Wo bin ich gerade? Wann ist das? Aus wessen Perspektive lese ich? Die Orientierung zu behalten erfordert Arbeit, und das sollte bei einem Unterhaltungsroman eigentlich nicht nötig sein.
Besonders beim Hörbuch (ich wechsle gern zwischen Print und Audio) wurde das zur Herausforderung. Wenn man nicht schnell zurückspringen kann, um etwas nachzuprüfen, wird die Verwirrung noch größer. Die verschiedenen Handlungsstränge laufen parallel, kreuz und quer durch verschiedene Zeitebenen, und es passiert so viel auf einmal, dass die Informationsdichte stellenweise überwältigend wird.
Die Lektorenperspektive: Weniger wäre mehr gewesen
Als Lektorin schaue ich mir sowas natürlich mit professionellem Interesse an. Was hat Owen hier versucht? Sie wollte offensichtlich Komplexität schaffen, verschiedene Erzählebenen miteinander verweben, dem Leser ein puzzle-artiges Leseerlebnis bieten. Das ist mutig, das ist ambitioniert.
Aber manchmal ist weniger tatsächlich mehr. Die emotionale Kerngeschichte um Hades und Lyra ist stark genug, sie bräuchte diese narrative Komplexität nicht. Die parallelen Handlungsstränge hätten gestrafft werden können. Eine klarere chronologische Struktur hätte dem Lesefluss gutgetan, ohne an Spannung einzubüßen.
Die Gefahr bei zu vielen Zeitsprüngen und POV-Wechseln ist immer, dass sie vom Wesentlichen ablenken. Und das Wesentliche – die Charaktere, ihre Beziehungen, ihre Entwicklung – ist hier verdammt gut. Es wäre schade, wenn Leser durch die strukturelle Komplexität abgeschreckt werden und diese emotionalen Highlights verpassen.
Worldbuilding und Pacing: Licht und Schatten
Das Worldbuilding ist grundsätzlich solide. Owen hat sich in die griechische Mythologie eingearbeitet und nutzt sie kreativ, ohne sie zu zerkauen. Die Regeln ihrer Welt sind nachvollziehbar, die magischen Elemente haben Konsequenzen, die Götter und Titanen fühlen sich wie eigenständige Wesen mit eigenen Agendas an.
Das Pacing leidet allerdings unter den multiplen Handlungssträngen. Es gibt Momente rasanter Action, gefolgt von Phasen, in denen man sich durch Exposition arbeiten muss. Die Balance ist nicht immer gegeben. Manchmal überschlägt sich alles, manchmal stockt es – ein direktes Resultat der verschachtelten Erzählstruktur.
Für wen funktioniert dieses Buch?
Wenn ihr Fans der Reihe seid und nach Band 1 unbedingt wissen wollt, wie es weitergeht: Lest es. Die emotionale Entwicklung zwischen Hades und Lyra allein ist es wert. Wenn ihr komplexe Erzählstrukturen liebt und gern ein bisschen Arbeit in euer Leseerlebnis investiert: Ihr werdet die narrative Ambition schätzen.
Wenn ihr allerdings Wert auf klaren Lesefluss legt, wenn euch Zeitsprünge und POV-Wechsel schnell verwirren, wenn ihr beim Lesen (oder Hören) einfach in die Geschichte eintauchen wollt, ohne ständig mental zu sortieren: Dann könnte euch „Schattenverführt" gelegentlich frustrieren.
Mein Fazit: Stark trotz Schwächen
„The Things Gods Play - Schattenverführt" ist ein Buch der Widersprüche. Es hat mich emotional berührt und gleichzeitig strukturell frustriert. Die Charaktere sind brillant entwickelt, die Erzählstruktur manchmal im Weg. Die griechische Mythologie wird spannend adaptiert, die narrative Komplexität kostet Lesefluss.
Abigail Owen ist eine talentierte Autorin mit starkem Gespür für Charakterentwicklung und emotionale Tiefe. Die handwerkliche Ambition ist bewundernswert – auch wenn sie nicht in allen Aspekten perfekt umgesetzt ist. Manchmal braucht eine Geschichte einfach etwas mehr Fokus, etwas weniger parallele Stränge, etwas klarere Struktur.
Trotz meiner Kritikpunkte vergebe ich solide 4 von 5 Sternen. Die emotionalen Highlights, die starken Charaktere und die packende Spannung im Tartaros überwiegen die strukturellen Schwächen. Und ja, ich will wissen, wie es weitergeht – das sagt schon einiges über die Qualität der Kerngeschichte aus.
Empfehlung: Für Romantasy-Fans mit Vorliebe für griechische Mythologie und emotionale Charakterentwicklung. Geht mit der Erwartung rein, dass die Erzählstruktur herausfordernd sein kann, aber die emotionale Payoff lohnt sich.
Habt ihr Band 2 schon gelesen? Wie kamt ihr mit den Zeitsprüngen klar? Lasst mir gern eure Gedanken in den Kommentaren!