A City of Flames von Rina Vasquez – Drachen-Romantasy mit Herz und Holpern

Rache, Drachen und Enemies-to-Lovers – auf dem Papier klingt "A City of Flames" wie die perfekte Romantasy-Mischung. Und tatsächlich hat Rina Vasquez hier ein Buch geschaffen, das viele Stärken hat, aber auch ein paar Schwächen zeigt, die ich als Lektorin nicht ignorieren kann. Spoiler: Es hat mich trotzdem gut unterhalten, auch wenn es nicht ganz zum 5-Sterne-Read gereicht hat.

Die Prämisse: Klassisch, aber mit Potenzial

Nara will Rache. Ein Feuerdrache hat ihr Dorf angegriffen und ihren Vater getötet – da ist der Wunsch nach Vergeltung nachvollziehbar. Als sie die Chance bekommt, den Venatoren beizutreten (einem ausgebildeten Orden, der magische Kreaturen jagt), sollte das eigentlich ein Traum sein. Aber natürlich ist nichts so einfach, wie es scheint. Die "hässliche Wahrheit" über Geschichte und die Frage, wer wirklich gut und böse ist, bilden das thematische Rückgrat der Story.

Das Setup ist nicht revolutionär – ich habe diese Grundkonstellation schon öfter gelesen. Aber Vasquez bringt genug eigene Akzente rein, besonders durch die Drachen-Thematik und die Gestaltwandler, um es interessant zu halten.

Was wirklich funktioniert: Beziehungen mit Tiefe

Das Herzstück des Buches sind für mich die Geschwisterbeziehungen. Hier zeigt Vasquez echte Stärke – die Dynamik zwischen Nara und ihren Geschwistern ist authentisch, mit all den kleinen Reibereien, der bedingungslosen Loyalität und den unausgesprochenen Verständnissen, die Familien prägen. Diese emotionalen Momente haben mich mehr berührt als die romantischen Szenen, und das ist ein echtes Kompliment. Zu oft werden Geschwisterbeziehungen in Romantasy zur Nebensache degradiert, aber hier tragen sie die emotionale Tiefe der Geschichte.

Und dann ist da Tibith. Dieser kleine Sidekick ist einfach perfekt. Solche Nebencharaktere können schnell nervig werden oder nur als Comic Relief funktionieren, aber Tibith hat genug Eigenständigkeit und Charme, um wirklich zu überzeugen. Jede Szene mit diesem Charakter hat mich zum Lächeln gebracht, und das ohne, dass es aufgesetzt wirkte.

Der Plot: Abwechslungsreich, aber manchmal orientierungslos

Der Plot ist interessant und bietet genug Wendungen, um die Spannung aufrechtzuerhalten. Die Plottwists rund um die "wahre Geschichte" der Drachen und Venatoren haben Potenzial, auch wenn sie teilweise vorhersehbar sind. Das Worldbuilding mit Drachen, Gestaltwandlern und dem Venatori-Orden ist atmosphärisch gut eingefangen – ich konnte mir die Welt vorstellen, auch wenn die Regeln des Magiesystems nicht immer ganz klar waren.

Aber – und das ist ein großes Aber – die Story verliert manchmal ihre klare Richtung. Es gibt Passagen, wo ich mich gefragt habe: Wohin soll das eigentlich gehen? Als würde die Autorin selbst noch zwischen verschiedenen Plotsträngen jonglieren, ohne sich ganz festzulegen. Das führt dazu, dass manche Szenen sich ziehen und hätten gestrafft werden können.

Aus Lektorensicht hätte das Buch von einem strafferen Editing profitiert. Nicht alles, was auf der Seite steht, treibt die Geschichte voran oder vertieft die Charaktere. Manche Szenen wirken wie Füllmaterial, und das bremst den Lesefluss. Das Pacing schwankt – mal ist die Geschichte rasant und spannend, dann wieder schleppend und etwas ziellos.

Die Charaktere: Nara zwischen Rache und Erkenntnis

Nara als Protagonistin funktioniert größtenteils. Ihre Motivation ist nachvollziehbar, und ihre Entwicklung von blinder Rache zu differenzierterer Sicht zeigt interessante Ansätze. Aber die Umsetzung ist nicht immer konsistent – ihre Wandlung passiert teilweise sprunghaft, ohne dass die inneren Prozesse ausreichend nachvollziehbar wären. Hier hätte ich mir mehr psychologische Tiefe gewünscht, mehr Szenen, die zeigen, wie sie langsam ihre Weltanschauung hinterfragt.

Die Enemies-to-Lovers-Dynamik mit dem Drachen hat Potenzial, bleibt aber stellenweise an der Oberfläche. Die Anziehung ist da, die Spannung auch, aber die emotionale Entwicklung hätte langsamer und organischer aufgebaut werden können. Manchmal fühlte es sich an, als würde die Romance eher bedient statt wirklich erarbeitet.

Technische Aspekte: Solide Basis mit Luft nach oben

Die Sprache ist flüssig und atmosphärisch, ohne zu überladen zu sein. Vasquez hat ein gutes Gespür für emotionale Szenen und kann Beziehungen authentisch darstellen. Die Dialoge funktionieren größtenteils, auch wenn sie manchmal etwas zu modern für das Fantasy-Setting wirken.

Was mich gestört hat: Die Informationsvergabe ist nicht immer ausgewogen. Manchmal wird zu viel auf einmal erklärt, dann wieder bleiben wichtige Fragen zu lange offen. Die Balance zwischen Mystery und Klarheit könnte besser sein.

Fazit: Solide Romantasy mit echten Stärken und verpassten Chancen

"A City of Flames" ist ein Buch mit vielen guten Ideen und einigen echten Highlights – besonders die Geschwisterbeziehungen und Tibith als Sidekick sind fantastisch gelungen. Der abwechslungsreiche Plot und die atmosphärische Drachen-Thematik bieten solide Unterhaltung für Romantasy-Fans.

Aber das Buch hätte mehr sein können. Mit strafferer Struktur, klarerer Erzählrichtung und konsequenterer Charakterentwicklung hätte es das Zeug zum 5-Sterne-Read gehabt. So bleibt es bei guten 4 Sternen – ein unterhaltsames Buch mit Herz, aber auch mit rauen Kanten.

Für wen ist das Buch geeignet? Wenn ihr Romantasy mit Drachen, emotionalen Familienbindungen und moralischer Ambiguität mögt, solltet ihr zugreifen. Wenn ihr aber Wert auf straffe Plots und konsistentes Pacing legt, könnte euch das Buch zwischendurch frustrieren.

Ich bin gespannt, wie sich die Reihe entwickelt – das Potenzial ist definitiv da. Vielleicht gelingt es Vasquez in den Folgebänden, die Schwächen auszubügeln und die Stärken noch mehr zu betonen. Ich werde auf jeden Fall dranbleiben, allein schon wegen Tibith.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Trigger-Warnungen: Gewalt, Tod eines Elternteils (backstory), Rachethematik

Zurück
Zurück

A Kingdom of Shadows - Wenn gute Zutaten noch keine gelungene Geschichte machen

Weiter
Weiter

Wenn Band 2 einer Serie besser ist als Band 1: "To Love a God" von Anna Benning