Wenn Cupcakes auf Klischees treffen: Eine kritische Liebeserklärung an imperfekte Romance

Oder: Warum Atmosphäre allein kein Buch rettet

Ich gestehe: Ich bin mit einer Tasse Kakao und einer Kuscheldecke in diese New Yorker Winter-Romance eingetaucht. Und ja, ich habe sie durchgelesen. Aber als ich das Buch zuklappte, blieb ein merkwürdig gespaltenes Gefühl zurück – zwischen "das war gemütlich" und "das hätte so viel besser sein können".

Die Sache mit der Atmosphäre

Fangen wir mit dem an, was wirklich funktioniert: Die Autorin kann Stimmung aufbauen. Punkt. Verschneites Manhattan, Lichterglanz, eine kleine Bäckerei voller Cupcake-Duft – ich war sofort drin. Diese sensorische Dichte, die einen direkt ins Setting zieht, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Romance-Autoren unterschätzen, wie wichtig ein greifbares Setting für die emotionale Bindung der Leser ist.

Leanna als Protagonistin funktioniert, weil sie echt wirkt. Keine Superheldin, sondern jemand, der am Limit läuft. Die Existenzängste, die Überforderung, das Gefühl, dass gerade alles zusammenbricht – das ist gut gemacht. Man fiebert mit ihr mit, man will, dass sie es schafft.

Aber dann kommt Dayton

Und hier wird es kompliziert. Dayton startet als wandelndes Red-Flag-Festival: frauenfeindlich, arrogant, rücksichtslos. Seine Wandlung zum liebevollen Partner ist zwar nachvollziehbar beschrieben, aber – und hier kommt mein Lektorenherz durch – seine grundlegende Charaktermotivation ergibt keinen Sinn.

Die Frage, die mich nicht losgelassen hat: Warum zum Teufel betreibt dieser Typ eine Bäckereikette?

Wir erfahren praktisch nichts über seinen Arbeitsalltag. Er zeigt null Interesse an Cupcake-Sorten, Rezeptentwicklung oder dem Handwerk. Nebenbei managed er noch ein Eishockey-Team – wie, bleibt völlig unklar. Das ist kein Charakter, das ist eine Ansammlung von Plot-Devices.

Das Problem mit den losen Enden

Was mich als Lektorin am meisten gestört hat: die vielen unaufgelösten Nebenstränge. Winston, der miese Ex-Vermieter, kommt mit allem durch. Keine Konsequenzen, keine Auflösung. Curtis' Aktionen ergeben teilweise keinen Sinn. Und die Schwangerschaft am Ende? Das fühlt sich an wie "Ah ja, brauchen wir noch für's Romance-Bingo" statt wie eine organische Story-Entwicklung.

Das ist schade, weil es zeigt: Hier wurde nicht zu Ende gedacht. Eine weitere Überarbeitungsrunde hätte dem Manuskript gutgetan.

Die Klischee-Frage

Klar, Romance lebt von Tropes. Enemies-to-Lovers, reicher Playboy trifft armes Mädchen, ungeplante Schwangerschaft – alles dabei. Aber: Tropes sind wie Gewürze. Richtig dosiert machen sie ein Gericht besser. Zu viel davon, und man schmeckt das eigentliche Essen nicht mehr.

Diese Geschichte bedient jedes Genre-Klischee brav ab, ohne auch nur einmal zu fragen: "Brauchen wir das wirklich?" Das macht sie vorhersehbar. Und Vorhersehbarkeit ist der Feind von Spannung.

Was ich mir gewünscht hätte

Für Leanna: Mehr Momente, in denen sie sich wehrt. Nicht erst, wenn das Fass überläuft, sondern früher, konsequenter. Das wäre character development.

Für Dayton: Eine schlüssige Begründung für seine Berufswahl. Zeigt mir, warum er diese Bäckereikette aufgebaut hat. Lasst ihn leidenschaftlich über Backkunst reden, gebt ihm einen nachvollziehbaren Grund. Sonst ist er nur eine hohle Hülle.

Für die Nebencharaktere: Konsequenzen. Winston kann nicht einfach so davonkommen. Das untergräbt die Glaubwürdigkeit der Welt, die du aufgebaut hast.

Für die Schwangerschaft: Entweder richtig als Plotpunkt etablieren mit Zweifeln, Ängsten, Konflikten – oder weglassen. So wirkt es aufgesetzt.

Autorenperspektive: Was können wir daraus lernen?

Als Content Creator im Literaturbereich sehe ich solche Bücher immer auch als Lernmaterial. Was nehme ich mit?

  1. Atmosphäre ist Gold wert – aber sie allein trägt keine Geschichte

  2. Jeder Charakter braucht eine schlüssige Motivation – "weil die Handlung es braucht" ist keine Begründung

  3. Nebenstränge müssen aufgelöst werden – sonst fühlt sich die Story unfertig an

  4. Tropes sind Tools, keine Krücken – nutze sie bewusst, nicht als Autopilot

  5. Eine zusätzliche Überarbeitungsrunde lohnt sich immer

Für wen ist das Buch trotzdem was?

Mal ehrlich: Manchmal braucht man einfach was Gemütliches. Einen Abend auf der Couch, Schnee vor dem Fenster, eine vorhersehbare Geschichte, bei der man das Hirn ausschalten kann. Und dafür funktioniert dieses Buch.

Wenn ihr:

  • Romance-Klischees liebt statt sie zu hinterfragen

  • Atmosphäre über Handwerksqualität stellt

  • Wohlfühl-Lektüre ohne große Überraschungen sucht

  • Cupcakes und Winter-Settings mögt

...dann greift zu. Ihr werdet einen netten Abend haben.

Aber wenn ihr:

  • Wert auf schlüssige Charaktermotivationen legt

  • euch an losen Handlungsfäden stört

  • überraschende Wendungen erwartet

  • handwerklich sauberes Storytelling schätzt

...dann wird euch dieses Buch frustrieren.

Mein Fazit

Drei Sterne. Nicht schlecht, nicht gut – irgendwo dazwischen. Es ist das literarische Äquivalent zu einem mittelmäßigen Cupcake: Sieht hübsch aus, schmeckt okay, aber man erinnert sich eine Stunde später nicht mehr dran.

Die Autorin kann definitiv Atmosphäre schaffen. Sie hat ein Gespür für Stimmung und emotional aufgeladene Momente. Aber sie muss lernen, ihre Charaktere zu Ende zu denken und ihre Handlungsstränge sauber aufzulösen. Mit einem kritischeren Blick auf das eigene Manuskript – oder einem guten Lektor – wäre hier deutlich mehr drin gewesen.

Für den nächsten Band wünsche ich mir: Weniger Tropes, mehr Tiefe. Weniger Klischees, mehr Mut. Weniger lose Enden, mehr durchdachtes Storytelling.

Das Potenzial ist da. Jetzt muss es nur noch genutzt werden.

Habt ihr das Buch auch gelesen? Wie steht ihr zur Klischee-Frage in Romance? Und was sind eure größten Pet Peeves bei unaufgelösten Nebensträngen? Schreibt's mir in die Kommentare!

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