Phönixe, Fake Dating und das Problem mit dem Tempo
Warum dieses Fantasy-Debüt fast großartig ist – und was es zurückhält
Ich lese viel Young Adult Fantasy. Zu viel, sagen manche. Und ja, irgendwann verschwimmen die magischen Systeme, die Rivals-to-Lovers-Plots und die Found-Family-Momente zu einem einzigen Fantasy-Brei. Aber dann kommt ein Buch daher, das mit Phönixrennen ankommt – und ich denke: Okay, zeig mir, was du hast.
Die Prämisse funktioniert
Kel ist 17, verschuldet, und ihr Phönix Savita ist alles, was sie hat. Um beides nicht zu verlieren, muss sie das große Rennen gewinnen. Das Setup ist klar, der Stake ist persönlich, und die emotionale Bindung zwischen Mädchen und Phönix trägt die Geschichte. Soweit, so gut.
Was mich überrascht hat: Die Autorin traut sich an ernste Themen. Verlust ist hier nicht nur ein Plot Device, sondern wird tatsächlich durchlebt. Angst und Trauer bekommen Raum. Das hebt das Buch über viele andere YA-Fantasys, die ihre Charaktere nur oberflächlich leiden lassen.
Warren Coupers und das Fake-Dating-Dilemma
Jeder, der das Genre kennt, weiß: Fake Dating kann schiefgehen. Zu oft, zu schnell, zu konstruiert. Hier funktioniert es – größtenteils. Warren ist nicht einfach der arrogante Bad Boy, der heimlich ein Herz aus Gold hat. Er hat Ecken und Kanten, die bleiben. Die Chemie zwischen ihm und Kel stimmt.
Aber – und das ist mein größtes Problem mit dem Buch – die Entwicklung hätte mehr Zeit gebraucht. Es gibt Momente, in denen ich dachte: Hier. Genau hier hätte ich eine Szene mehr gewollt. Ein Gespräch länger. Einen Blick tiefer. Die Autorin hat das Handwerk, aber sie lässt sich nicht genug Zeit.
Die Welt, die ich gerne besser kennengelernt hätte
Cendor ist interessant. Eine Insel, auf der Phönixrennen das größte Sportereignis sind, gemischt mit einer Tech-Welt, die dystopische Züge hat. Die Kulissen wechseln, jedes Rennen hat seinen eigenen Schauplatz. Das klingt großartig – und ist es auch. Aber nur in Ansätzen.
Das Problem: Wir hetzen durch diese Welt. Details blitzen auf, verschwinden wieder. Ich hätte gerne mehr über die Magie der Phönixe erfahren, mehr über die Tech-Elemente, mehr über die Gesellschaft, die diese Rennen so feiert. Als Autor und Lektor sehe ich hier ein klassisches Debüt-Problem: Die Angst, den Leser zu langweilen, führt dazu, dass zu viel passiert, zu schnell.
Was das Buch richtig macht
Die Found Family. Das Team um Kel ist nicht nur Staffage, sondern trägt die Geschichte mit. Die Loyalität, die Konflikte, die gemeinsamen Ziele – das ist authentisch. Und die Intrigen? Sie funktionieren, weil sie nicht aus dem Nichts kommen, sondern in der Logik dieser Welt wurzeln.
Die Phönixrennen selbst sind visuell stark. Man sieht die Flammen, spürt die Geschwindigkeit, fühlt die Gefahr. Die Autorin kann Action schreiben, keine Frage.
Das Urteil
4 von 5 Sternen. Nicht, weil das Buch schlecht ist, sondern weil ich sehe, was es hätte sein können. Mit etwas mehr Mut zum Verweilen, mit ein paar zusätzlichen Szenen für die Beziehungen, mit mehr Tiefe in der Worldbuilding – das wäre ein 5-Sterne-Buch geworden.
Aber trotzdem: Für ein Debüt ist das stark. Die Autorin hat eine Stimme, sie hat Ideen, und sie hat das emotionale Fundament drauf. Ich werde definitiv ihr nächstes Buch lesen. Denn wenn sie aus diesem hier lernt, wenn sie sich beim nächsten Mal mehr Zeit nimmt – dann wird das richtig gut.
Für wen ist das Buch? Wenn du Rivals to Lovers magst, Found Family suchst und Lust auf Fantasy hast, die nicht bei Drachen und Elfen stehen bleibt, dann greif zu. Nur erwarte keine langsame Romanze. Hier brennt alles schneller – wie die Phönixe selbst.