Wenn gutes Handwerk nicht reicht: Über Tempo, Emotionen und das Problem mit schnellen Fantasy-Stories
Oder: Warum ich eine technisch solide Urban Fantasy trotzdem nur mittelmäßig finde
Ich hatte mir vorgenommen, diese Rezension positiv zu beginnen. Wirklich. Denn das Buch, über das ich heute spreche – eine Urban Fantasy über drei Hexenschwestern in London, Schattenwesen und einen Mord, der alles verändert – ist handwerklich einwandfrei. Die Autorin kann schreiben. Dialoge funktionieren, Charaktere haben Kontur, das Setting ist stimmig.
Und trotzdem gebe ich nur drei von fünf Sternen.
Warum? Weil mich dieses Buch vor ein Problem stellt, über das ich als Lektorin und Autorin immer wieder stolpere: Was passiert, wenn technisches Können allein nicht ausreicht?
Die Prämisse: Eigentlich perfekt
Arina ist eine Erdhexe in London. Zusammen mit ihren beiden Schwestern wacht sie über die Schattenwesen – dämonische Kreaturen, die ihre Energie nicht unkontrolliert entfesseln dürfen. Zu diesen Wesen gehört auch Henry, ein gutaussehender, arroganter Vampir, den Arina nicht ausstehen kann. Klassische Enemies-Dynamik, das Potenzial für großartige Reibung.
Dann passiert das Unfassbare: Arinas Schwester Myra wird ermordet. Die zweite Schwester schwebt in Lebensgefahr. Und der Hexenrat, dem Arina immer vertraut hat, vertuscht den Vorfall. Um ihre Schwester zu retten und Myras Tod zu rächen, muss Arina ausgerechnet mit Henry zusammenarbeiten – dem einzigen, dem sie noch trauen kann.
Auf dem Papier? Gold. Alles drin, was eine packende Urban Fantasy braucht.
Das Problem: Zu schnell, zu früh, zu wenig Luft
Die Geschichte beginnt, und innerhalb der ersten Kapitel passiert bereits so viel, dass mir schwindelig wird. Nicht im guten Sinne. Nicht im "Oh mein Gott, ich kann nicht aufhören zu lesen"-Sinne. Sondern im "Moment, wer ist nochmal Myra und warum soll mich ihr Tod erschüttern?"-Sinne.
Hier liegt das Kernproblem: Die Geschichte rennt los, bevor ich Arina überhaupt kennengelernt habe.
Ich sehe, was sie tut. Ich beobachte ihre Entscheidungen. Aber ich verstehe nicht, wer sie ist. Was treibt sie an? Wie ist ihre Beziehung zu ihren Schwestern im Alltag? Was bedeutet es für sie, eine Erdhexe zu sein? Was fühlt sie, wenn sie morgens aufwacht und zur Arbeit geht – oder macht sie das überhaupt?
All diese Fragen bleiben unbeantwortet, weil die Handlung keine Zeit dafür lässt.
Die Technik vs. die Emotion: Ein Lektorinnen-Blick
Als Lektorin sehe ich das Problem sofort, und es ist frustrierend, weil die Lösung so klar ist: Dieses Buch braucht 50 Seiten Vorlauf.
50 Seiten, in denen ich Arina in ihrer Welt erlebe. In denen ich die drei Schwestern beim gemeinsamen Frühstück sehe, bei einem Streit über Kleinigkeiten, bei einem normalen Arbeitstag. Zeig mir, wie Arina über die Schattenwesen wacht. Lass mich ihren Frust mit Henry in einer alltäglichen Konfrontation spüren. Gib mir Zeit, diese Normalität als selbstverständlich zu empfinden.
Denn nur dann – nur dann – trifft mich der Mord mit voller Wucht.
Myras Tod kann nur erschüttern, wenn ich sie kannte. Der Vertrauensbruch des Hexenrats kann nur treffen, wenn ich Zeit hatte, Vertrauen aufzubauen. Arinas Verzweiflung kann nur wirken, wenn ich verstehe, was sie verliert.
Die Autorin opfert emotionale Tiefe für Plot-Speed. Und das ist schade, weil sie technisch alles kann. Die Dialoge sind knackig, die Charakterzeichnung grundsätzlich stimmig, das Worldbuilding funktioniert. Aber ohne emotionale Verankerung bleibt all das Beobachtung statt Erlebnis.
Das Paradox des modernen Erzählens
Ich sehe dieses Problem immer häufiger, und ich glaube, es hat mit unserer veränderten Medienlandschaft zu tun. Wir sind trainiert auf schnelle Schnitte, auf Action ab Sekunde eins, auf "Hook the reader immediately". Das ist nicht grundsätzlich falsch – aber es wird zur Falle, wenn wir vergessen, dass emotionales Investment Zeit braucht.
Ein spannender Plot auf Seite 1 bringt nichts, wenn ich auf Seite 50 immer noch nicht weiß, warum mir die Figuren wichtig sein sollten.
Die besten Fantasy-Geschichten – denk an The Name of the Wind, an A Darker Shade of Magic, an Ninth House – nehmen sich Zeit für die Normalität, bevor sie das Chaos entfesseln. Sie lassen uns atmen, bevor sie uns den Atem rauben.
Was funktioniert (und das ist wichtig zu sagen)
Ich will nicht ungerecht sein. Es gibt Dinge, die in diesem Buch wirklich gut funktionieren:
Die Enemies-to-Allies-Dynamik zwischen Arina und Henry hat Potenzial. Die Dialoge zwischen ihnen knistern, auch wenn ich mir wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt, ihre Abneigung voreinander zu etablieren, bevor sie zusammenarbeiten müssen.
Das Konzept der Schattenwesen ist interessant entwickelt. Die Idee, dass Hexen deren dämonische Energie überwachen müssen, bietet narrative Möglichkeiten, die über den Plot dieses ersten Buches hinausgehen.
Das London-Setting wird atmosphärisch genutzt, auch wenn ich mir mehr Details gewünscht hätte. Wie leben Hexen in einer modernen Großstadt? Wie verstecken sich Schattenwesen? Das sind Fragen, die mich faszinieren.
Die Autorin hat das Zeug dazu, großartige Geschichten zu erzählen. Sie braucht nur mehr Mut zur Langsamkeit.
Die Lektion: Handwerk allein macht noch keine Magie
Als Content Creator und Lektorin ist das die Lektion, die ich aus diesem Buch mitnehme: Gutes Handwerk ist die Basis, aber nicht das Ziel.
Du kannst perfekte Dialoge schreiben, eine stimmige Plotstruktur entwickeln, interessante Charaktere erschaffen – aber wenn du deinen Lesern keine Zeit gibst, eine emotionale Verbindung aufzubauen, verpufft all das Potenzial.
Fantasy lebt von der Immersion. Wir lesen diese Geschichten nicht nur wegen der Handlung, sondern weil wir uns verlieren wollen in anderen Welten, weil wir mit den Figuren atmen, leiden, triumphieren wollen. Das braucht Zeit. Das braucht Raum. Das braucht den Mut, langsam zu sein, auch wenn das Genre nach Action schreit.
Mein Fazit: Potenzial, das sich selbst im Weg steht
Drei von fünf Sternen bedeuten für mich: Es ist okay. Es ist solide. Es ist technisch gut gemacht. Aber es berührt mich nicht. Und bei Fantasy – bei Geschichten über Hexen, Mord und die Magie, die zwischen Vertrauen und Verrat entsteht – reicht "okay" einfach nicht.
Ich werde diese Autorin im Auge behalten. Sie kann schreiben, und das ist mehr, als man von vielen Debüts sagen kann. Aber ich hoffe, dass sie beim nächsten Buch den Mut findet, langsamer zu erzählen. Die Ruhe vor dem Sturm zu zelebrieren. Uns Zeit zu geben, ihre Figuren zu lieben, bevor sie uns das Herz bricht.
Denn dann – dann hätte sie das Zeug, nicht nur solide Unterhaltung zu liefern, sondern Geschichten, die bleiben.
Für wen ist dieses Buch trotzdem geeignet?
Fans von schnellen Urban-Fantasy-Plots, die mehr Wert auf Action als auf Charaktertiefe legen
Leser, die sich nicht von hohem Tempo erschlagen fühlen
Alle, die Enemies-to-Allies-Dynamiken mögen und bereit sind, über fehlende emotionale Tiefe hinwegzusehen
Für wen eher nicht?
Charaktergetriebene Leser, die tiefe emotionale Bindungen zu Protagonisten brauchen
Fans von langsamem Worldbuilding und atmosphärischer Entwicklung
Alle, die Zeit brauchen, um in eine Geschichte hineinzufinden
Was ist eure Meinung? Braucht gute Fantasy Zeit zum Atmen, oder seid ihr Team "Action ab Seite 1"? Habt ihr ähnliche Erfahrungen mit technisch guten Büchern gemacht, bei denen trotzdem der Funke nicht übersprang?