Der Himmel ist mein Meer – Wenn die Sprache der Geschichte im Weg steht
Es gibt Bücher, bei denen man von der ersten Seite an weiß: Das wird schwierig. Und dann gibt es Bücher, bei denen man sich das Gegenteil so sehr wünscht, dass man gegen die eigene Leseempfindung ankämpft. "Der Himmel ist mein Meer" von Liis Jahn gehört für mich zur zweiten Kategorie.
Die Prämisse, die mich gepackt hat
Johanna bleibt nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes zurück – mit einer Schuld, die sie nicht loslässt. Wie sehr hat sie sich das Ende dieser zerstörerischen Ehe herbeigesehnt? Diese Frage, diese emotionale Ausgangslage, ist so stark, so vielschichtig, dass ich sofort dabei sein wollte.
Beim Ausräumen des Pfarrhauses findet sie Briefe und Habseligkeiten, die die Geschichte einer fast Hundertjährigen namens Ruth erzählen. Johanna macht sich auf die Suche nach ihr, um ihr einen lang gehegten Traum zu erfüllen: eine Fahrt im Rolls-Royce ans Meer. Was folgt, ist ein Roadtrip, der Johanna näher an das bringen soll, was sie lange verdrängt hat – die Sehnsucht nach Leben, Liebe, einem Neuanfang.
Das Potenzial ist enorm. Drei Frauenschicksale, die über Generationen hinweg miteinander verwoben sind. Schuld, Verlust, späte Liebe. Die heilende Kraft einer Reise. Themen, die mich als Leserin und als Autorin interessieren.
Der Schreibstil, der zwischen mir und der Geschichte stand
Aber genau hier beginnt mein Problem. Der Schreibstil von Liis Jahn hat mir den Zugang zur Geschichte massiv erschwert. Die Sprache ist bildlastig, metaphorisch, oft poetisch gemeint – aber auf mich wirkte sie konstruiert. Die Bilder, die entstehen sollten, haben mich nicht emotional abgeholt, sondern aus der Geschichte gerissen.
Als Lektorin habe ich einen besonderen Blick für Sprache. Ich sehe, wenn Formulierungen mehr wollen, als sie tragen können. Wenn sprachliche Stilistiken nicht der Geschichte dienen, sondern sich in den Vordergrund drängen. Bei "Der Himmel ist mein Meer" hatte ich genau dieses Gefühl. Die Sprache stand zwischen mir und Johanna, zwischen mir und der emotionalen Tiefe, die diese Geschichte hätte haben können.
Weniger wäre mehr gewesen. Direktere Sätze, klarere Bilder, organischere Metaphern. Die Geschichte hätte davon profitiert.
Die Protagonistin, die mir fremd blieb
Mein zweites großes Problem: Johanna. Eine Frau, die mit enormem emotionalen Gepäck unterwegs ist. Schuld, Trauer, die quälende Frage nach ihrer eigenen Rolle im Ende der Ehe. Sie sollte eine Figur sein, mit der ich mitfühle, mitleide, mitfiebere.
Aber ich kam einfach nicht an sie ran.
Die emotionale Distanz, die zwischen Johanna und mir als Leserin entstand, hat mich frustriert. Ich wollte verstehen, was in ihr vorgeht. Ich wollte ihre Schuld spüren, ihre Sehnsucht nach Neuanfang nachvollziehen. Aber sie blieb mir fremd. Eine Figur, die ich beobachtete, ohne wirklich involviert zu sein.
Für eine Geschichte über Verlust und Neuanfang ist die emotionale Verbindung zur Protagonistin elementar. Ohne diese Verbindung funktioniert die Geschichte nicht – egal, wie gut die Prämisse ist.
Der Roadtrip, der nicht zündete
Der Roadtrip mit Noah, dem Chauffeur, sollte Raum für Charakterentwicklung bieten. Für emotionale Durchbrüche, für Momente, in denen Johanna sich öffnet, in denen wir sie besser kennenlernen. Aber auch hier blieb ich außen vor.
Die Reise zur Côte d'Azur, die Begegnung mit Ruth, die Wahrheit, die an der Küste wartet – all das hätte berühren können. Aber die sprachliche Umsetzung und die Distanz zur Protagonistin haben verhindert, dass ich wirklich dabei sein konnte.
Was funktioniert hat
Trotz meiner Kritik möchte ich betonen: Die thematische Ebene ist stark. Die Frage nach Schuld, die Erlaubnis, sich nach dem Tod des Partners einen Neuanfang zu gönnen, die Verwebung dreier Frauenschicksale – das sind wichtige, berührende Themen.
Liis Jahn hat eine Geschichte geschrieben, die es verdient, erzählt zu werden. Aber für mich persönlich stand die Umsetzung dem Potenzial im Weg.
Fazit: Eine Geschichte mit Herz, aber ohne Zugang
"Der Himmel ist mein Meer" ist ein Buch, das ich gern geliebt hätte. Die Prämisse ist stark, die Themen sind wichtig, die emotionale Ausgangslage faszinierend. Aber die sprachliche Umsetzung und die fehlende Nähe zur Protagonistin haben verhindert, dass ich wirklich in die Geschichte eintauchen konnte.
Für Leser:innen, die einen bildlastigen, poetischen Schreibstil schätzen und bereit sind, sich auf eine experimentellere Sprache einzulassen, könnte der Roman funktionieren. Für mich, die ich klares Storytelling und emotionale Nähe zu den Figuren brauche, war es eine Herausforderung, die ich leider nicht meistern konnte.
Und das ist vollkommen okay. Nicht jedes Buch muss für jeden funktionieren. Aber ich bleibe dabei: ehrlich zu sein, auch wenn ein Buch nicht passt, ist wichtiger als generische Lobhudelei.
2,5 von 5 Sternen – mit Respekt für die Autorin und die Geschichte, die sie erzählen wollte.