Eigenwilliger Auftakt mit starkem Finale

Ich hatte The Sleepless schon eine Weile auf meinem Stapel, weil mich die Prämisse gleichzeitig neugierig und skeptisch gemacht hat. Zwei Seelen in einem Körper als Love Triangle klingt entweder nach dem originellsten Kniff, den ich seit langem gelesen habe, oder nach dem Versuch, einen Klassiker-Trope mit etwas Glitzer zu überkleben. Ich musste es selbst herausfinden.

Als Leserin

Die ersten Kapitel haben mich vorsichtig reingelassen. Elver ist keine Protagonistin, die sofort zugänglich ist. Sie lebt in einem Wald voller magischer Kreaturen, den sogenannten Jih, die sie versteht und beschützt, während sie selbst für jeden außerhalb dieses Waldes eine tödliche Gefahr darstellt. Ihr Gift ist ihr Alltag. Sie hat ihren Frieden mit der Einsamkeit gemacht, lange bevor wir sie kennenlernen, und das merkt man in jeder Szene.

Was mich dann aber mehrere Kapitel lang verloren hat, war das Tempo. Die Geschichte braucht lange, um in Gang zu kommen. Das Worldbuilding ist ausgefeilt, die Atmosphäre ist dicht und eigenartig schön, aber die Handlung selbst bleibt in der ersten Hälfte sehr ruhig. Ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob ich weitermachen will. Und dann, irgendwo im letzten Drittel, ist etwas passiert, das ich so nicht erwartet hatte. Die Ereignisse überschlagen sich, die emotionale Spannung, die Williams so geduldig aufgebaut hat, zahlt sich aus. Ich habe die letzten hundert Seiten in einem Stück gelesen.

Als Autorin

Was mich handwerklich am meisten beschäftigt hat, ist das Love Triangle. Nicht weil es schlecht gemacht ist, sondern weil es gut gemacht ist auf eine Art, die ich mir gemerkt habe. Artair und Lucian teilen einen Körper, aber sie sind keine Variationen derselben Figur. Sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Beziehungen zu ihrer gemeinsamen Situation und unterschiedliche Beziehungen zu Elver. Was Williams damit konstruiert, ist kein klassisches Liebesdreieck, bei dem zwei Rivalen um eine Frau konkurrieren. Es ist etwas Eigenartigeres und Interessanteres: eine emotionale Dynamik, bei der Elver mit zwei völlig verschiedenen Menschen in Kontakt ist, die nie gleichzeitig da sein können.

Das ist als Erzählstruktur mutig, und es funktioniert, weil Williams die Konsequenzen dieser Situation ernst nimmt. Die Multiperspektivität finde ich ebenfalls gelungen. Die Kapitel aus verschiedenen Sichtweisen geben den Figuren wirklich unterschiedliche Stimmen, keine unterschiedlichen Etiketten für dieselbe Erzählhaltung.

Als Lektorin

Hier muss ich am kritischsten sein. Das Hauptproblem von The Sleepless ist dramaturgischer Natur: die Spannungskurve ist ungleich verteilt. Der erste und mittlere Teil des Buches investieren sehr viel in Atmosphäre und Worldbuilding, während die aktive Handlung spürbar ausbleibt. Für den Auftakt einer Dilogie ist das ein echtes Risiko. Man muss Leserinnen und Leser im ersten Band halten, nicht erst im zweiten.

Das Finale zeigt klar, was Williams kann, wenn sie alle Register zieht. Die Frage, die ich mir als Lektorin stelle, ist: Warum setzt dieses Energielevel nicht früher ein? Es gibt im mittleren Teil Szenen, die sich hätten verdichten oder kürzen lassen, ohne der Atmosphäre zu schaden. Das Magiesystem hingegen ist handwerklich stark. Es ist logisch aufgebaut, konsequent eingesetzt und thematisch mit den Figuren verknüpft. Das ist nicht selbstverständlich, und das fällt positiv auf.

Fazit

The Sleepless ist ein Buch, das sich seinen Lesenden gegenüber nicht immer einfach gibt und seine stärksten Momente lang zurückhält. Wer Geduld mitbringt und bereit ist, sich auf eigenwillige Atmosphäre und langsames Worldbuilding einzulassen, wird mit einer Geschichte belohnt, die in ihrer besten Stunde wirklich besonders ist. Wer schnelle Handlung erwartet, wird im ersten Teil kämpfen müssen.

Ich würde es weiterempfehlen, mit der ehrlichen Warnung, dass man dem Buch Zeit geben muss. Wenn es dann seine Karten ausspielt, macht es das sehr gut.

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