Wellengrab von Stefan Ahnhem: Wenn zwei Drittel eines Buches mehr versprechen, als das Ende halten kann
Ich höre Krimis selten. Nicht weil ich das Genre nicht mag, sondern weil ich als Autorin und Lektorin beim Hören oder Lesen fast automatisch anfange, Struktur zu analysieren, und das kann ein Lesevergnügen manchmal empfindlich stören. Bei Wellengrab von Stefan Ahnhem hab ich trotzdem zugegriffen, weil mich der Ausgangspunkt gereizt hat: ein Blackout an der schwedischen Küste, ein Ermittler auf dem Segelboot, eine Reihe von Fällen, die danach keinen Sinn ergeben wollen. Das klingt nach genau dem Kriminalroman, der einen nicht loslässt.
Und ehrlich gesagt, am Anfang war es genau das.
Als Leserin:
Die ersten Stunden mit diesem Buch waren wirklich gut. Die Atmosphäre hat sofort gezogen, der Einstieg mit dem Stromausfall ist effektiv und schafft sofort eine Spannung, die sich organisch anfühlt. Ich wollte wissen, was hinter dem Blackout steckt, wer das vermisste Mädchen ist, wie das alles zusammenhängt. Das Buch hat mich mitgenommen. Dazu kommt David Nathan als Sprecher, wer die Fabian-Risk-Reihe als Hörbuch kennt, weiß, was ich meine. Er gibt den Figuren eine Präsenz, die dem Text gut tut.
Irgendwo bei gut 60 Prozent ist dieser Sog dann leiser geworden. Nicht abrupt, sondern schleichend, was es fast noch frustrierender macht. Ich hab gemerkt, dass mich das Buch nicht mehr wirklich festhält, sondern dass ich mich durch die Seiten bewege, weil ich angefangen hab und fertig werden will. Das Gefühl, nicht ganz zu wissen, worum es eigentlich geht, hat sich festgesetzt und ist bis zum Ende nicht mehr verschwunden.
Als Autorin:
Stefan Ahnhem kann Atmosphäre und er kann Einstieg. Das ist keine Kleinigkeit. Viele Romane verlieren ihre Leserinnen schon in den ersten Kapiteln, hier war ich lange dabei. Als Autorin hab ich besonders auf das erzählerische Mittel des Blackouts geachtet: Er funktioniert, weil er sofort eine Ursache-Wirkung-Erwartung auslöst. Wir wollen wissen, wer das getan hat und warum.
Was mich als Autorin am Ende aber nachdenklich gemacht hat, ist die Frage nach der inneren Logik einer Handlung. Über 600 Seiten braucht ein Plot nicht nur eine gute Prämisse, er braucht eine Architektur, die trägt. Die kann ich im letzten Drittel von Wellengrab nicht erkennen. Die Handlung beginnt, sich in Richtungen zu bewegen, die nicht vorbereitet wurden, und das hinterlässt ein Gefühl von Beliebigkeit. Mein Lernmoment: Ein starker Anfang kauft dir nichts, wenn die Struktur darunter keine Fundamente hat.
Als Lektorin:
Hier wird es konkret. Das eigentliche Problem in Wellengrab ist dramaturgisch. Ab etwa zwei Dritteln verlieren die Plotlinien ihre innere Kohärenz. Einzelne Handlungsstränge, die nebeneinander laufen, werden im Finale zusammengezwungen statt organisch zusammenzuführen, und das macht die Auflösung konstruiert statt befriedigend. Die Charaktermotivationen, die vorher noch glaubwürdig waren, kippen in diesem letzten Drittel ins Klischeehafte, fast ins Absurde.
Für Band 7 einer Reihe ist das besonders schade, weil die Figuren eigentlich Tiefe hätten. Fabian Risk als Ermittler ist komplex genug um zu tragen. Aber wenn der Plot die Figuren nicht mehr in ihrer eigenen Logik belässt, sondern sie in Richtung einer vorgegebenen Auflösung schiebt, verliert auch der stärkste Charakter seinen Halt. Das ist handwerklich das größte Problem dieses Buches.
Außerdem ist die Länge von 600 Seiten ein Thema. Ein Roman dieser Länge braucht ein Gleichgewicht zwischen Erzähltempo und inhaltlichem Gewicht. Dieses Gleichgewicht fehlt in der zweiten Hälfte.
Fazit:
Wellengrab ist kein schlechtes Buch, es ist ein unvollendetes. Die ersten zwei Drittel haben echtes Potential und echte Spannung. Das letzte Drittel holt davon zu wenig ein. Ich empfehle es Leserinnen, die die Reihe kennen und Fabian Risk mögen und bereit sind, für ein gutes Stück Krimi-Atmosphäre auch einen enttäuschenden Abschluss zu akzeptieren. Als Einstieg in die Reihe ist es ungeeignet, als eigenständiger Kriminalroman mit Anspruch bleibt es hinter seinen Möglichkeiten.
2,5 Sterne, und das ehrlich gemeint.