Wenn ein Pageturner mehr auf Tempo als auf Tiefe setzt

Ich hatte dieses Buch schon eine Weile auf dem Stapel liegen. Murder Mystery, höfische Intrigen, eine Protagonistin, die von der Dienstmagd zur Königin wird, das klingt nach einer Kombination, die ich eigentlich sehr gerne mag. Also habe ich mir an einem ruhigen Nachmittag die Zeit genommen und Red as Royal Blood aufgeschlagen. Was dann folgte, war... angenehm. Wirklich angenehm. Aber auch ein bisschen vorhersehbar. Und genau das ist der Grund, warum ich darüber schreiben muss.

Als Leserin:

Ich habe dieses Buch sehr flüssig gelesen. Das klingt wie ein Standardsatz in einer Rezension, aber hier meine ich es wirklich so. Elizabeth Hart schreibt so, dass man nicht merkt, wie die Seiten vergehen. Ich habe mehrfach gedacht, ich lese noch kurz zu Ende des Kapitels, und dann waren plötzlich zwei weitere durch. Das ist selten und verdient Respekt.

Ruby, die Protagonistin, hat mir durchgehend gefallen. Sie reagiert menschlich. Sie ist unsicher, neugierig, manchmal naiv, aber nie dumm. Ihre Handlungen haben eine innere Logik, was ich als Leserin sehr schätze, weil ich nichts mehr hasse als Charaktere, die sich aus Plotgründen unlogisch verhalten.

Die Mischung aus leichtem Humor, Rätsel und höfischer Spannung war gut dosiert. Es gab Momente, wo ich gelacht habe, Momente, wo ich mitgerätselt habe, und Momente, wo ich einfach genossen habe. Was gefehlt hat: der eine Moment, wo mir der Boden wegkippt. Den habe ich vermisst.

Als Autorin:

Was Elizabeth Hart in diesem Buch wirklich gut macht, ist die Arbeit mit dem Schach-Motiv. Schach zieht sich als roter Faden durch die gesamte Geschichte. Es taucht in Dialogen auf, in Rubys Denkweise, in der Art, wie sie Probleme angeht. Das ist kein dekoratives Element, es ist strukturell eingebaut, und das merkt man. Als Autorin frage ich mich immer: Welches Motiv trägt mein Buch? Hier gibt es eine klare Antwort.

Der Schreibstil ist zugänglich und klar, was für die Zielgruppe ab 14 die richtige Entscheidung ist. Keine überkomplexen Satzkonstruktionen, keine unnötig verschnörkelten Beschreibungen. Das Buch weiß, wer es lesen soll, und schreibt genau für diese Menschen.

Was mich als Autorin aber beschäftigt: Die Plotstruktur gibt zu wenig Raum für echte Überraschungen. Wer ein bisschen Genre-Erfahrung mitbringt, ahnt früh, wohin die Reise geht. Das liegt nicht an schlechtem Schreiben, sondern an Entscheidungen auf der Ebene der Erzählstruktur. Mehr Ablenkungsmanöver, mehr falsche Fährten, und das Buch wäre spannender geworden.

Als Lektorin:

Hier werde ich ein bisschen konkreter, weil das mein schärfstes Instrument ist. Die dramaturgischen Wendepunkte kommen zu selten und, wenn sie kommen, zu vorhersehbar. Ein Murder Mystery braucht Momente der echten Desorientierung. Man muss als Leserin zweifeln, neu sortieren, neu verdächtigen. Das passiert hier zu wenig.

Die Nebenfiguren sind das zweite große Thema für mich. Die drei Prinzen haben alle Ansätze von echter Tiefe, aber keiner von ihnen wird wirklich ausgeleuchtet. Das ist eine verpasste Chance, denn gerade in einem höfischen Setting, wo Vertrauen eine Frage von Leben und Tod ist, wäre mehr Ambiguität bei diesen Figuren enorm wertvoll gewesen.

Die Erzählstruktur insgesamt ist solide, aber konservativ. Es gibt keine Experimente, keine Überraschungen auf der formalen Ebene. Das macht das Buch berechenbar, auch wenn es nie langweilig wird.

Fazit:

Red as Royal Blood ist ein Buch, das genau weiß, was es sein will: unterhaltsam, leicht, ein entspannter Pageturner mit ein bisschen Mystery-Würze. Es erfüllt dieses Versprechen. Für Leserinnen, die noch nicht viel im YA-Mystery-Genre unterwegs sind, ist es ein schöner, kurzweiliger Einstieg. Für alle, die Twists und Wendungen und das große Aha-Erlebnis suchen, könnte es etwas dünn ausfallen.

Ich gebe drei Sterne. Nicht weil das Buch schlecht ist, sondern weil mir das Handwerk an einigen Stellen mehr Wagnis und mehr Mut gezeigt hätte. Das Schach-Motiv zeigt, dass die Autorin weiß, wie man Tiefe aufbaut. Beim nächsten Buch würde ich mir wünschen, dass sie das noch konsequenter durchzieht.

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