Und wenn ich mich selbst liebe – Über toxische Liebe, Selbsthass und den unordentlichen Weg zu sich selbst
Es gibt Bücher, die liest du mit Vergnügen. Und dann gibt es Bücher, die liest du mit einem Kloß im Hals, weil sie zu nah an Realitäten rangehen, die wir lieber nicht sehen wollen. A.D. Wilks „Und wenn ich mich selbst liebe" gehört zur zweiten Kategorie.
Teresa und die Falle der kleinen Träume
Teresa arbeitet an der Supermarktkasse. Sie lächelt mechanisch, wird von Kunden kaum wahrgenommen, und abends verschwindet sie in Büchern. Dort wachsen Menschen über sich hinaus, dort werden sie geliebt, wie sie sind. In ihrer eigenen Realität hat Teresa sich selbst längst aufgegeben. Sie führt eine Beziehung, die sie systematisch kleiner macht – und das Perfide daran ist: Sie merkt es nicht einmal.
Das Setup klingt vertraut, vielleicht sogar ein bisschen klischeehaft. Frau in toxischer Beziehung findet zu sich selbst. Aber Wilk macht etwas anderes daraus. Sie zeigt nicht die große Befreiung, sondern den mühsamen, widersprüchlichen Weg dorthin. Und sie vermeidet die Romance-Falle: Am Ende steht kein Prinz, der Teresa rettet. Am Ende steht Teresa, die lernen muss, sich selbst zu retten.
Charakterzeichnung, die unter die Haut geht
Was mich als Autorin an diesem Buch beeindruckt, ist die psychologische Tiefe der Charakterzeichnung. Teresa ist keine perfekte Protagonistin, die nur auf den richtigen Anstoß wartet. Sie ist verstrickt in Selbsthass, hat ihre Grenzen so weit aufgelöst, dass sie selbst nicht mehr weiß, wo sie anfängt und wo die Erwartungen anderer aufhören.
Diese Vielschichtigkeit macht sie manchmal schwer erträglich. Ich habe beim Lesen mehrfach gedacht: "Sieh doch, was hier passiert! Warum machst du das mit dir?" Aber genau das ist der Punkt. Menschen in emotionalen Abhängigkeiten sehen oft nicht, was von außen offensichtlich scheint. Wilk zeigt das konsequent und ohne voyeuristische Dramatisierung.
Besonders stark: Teresas Entwicklung verläuft nicht linear. Sie macht Fortschritte, fällt zurück, traut sich etwas und zieht sich wieder zurück. Das ist narrativ riskant, weil es die Befriedigung hinauszögert, die Lesende oft erwarten. Aber es ist psychologisch absolut stimmig. Heilung ist kein Schalter, den man umlegt. Selbstwert baut sich nicht in drei motivierenden Gesprächen auf. Und Wilk traut sich, das zu zeigen.
Die Metaebene: Bücher als Spiegel
Ein cleverer Kniff ist die Metaebene mit den Büchern. Teresa flüchtet sich in Geschichten, sieht in fiktiven Charakteren, was sie sich selbst nicht zugesteht. Diese Diskrepanz zwischen ihrem Wissen über Romanfiguren und ihrem Handeln im eigenen Leben ist ein subtiler, aber wirkungsvoller Spiegel. Sie versteht theoretisch, was starke Charaktere ausmacht – nur bei sich selbst sieht sie es nicht.
Das funktioniert als Reflexionsfläche, ohne belehrend zu werden. Und es macht Teresa als Buchliebhaberin greifbar. Viele von uns kennen das: In Büchern finden wir Mut, den wir im echten Leben nicht aufbringen. Wilk nutzt das, ohne es auszuschlachten.
Was holprig bleibt
Nicht alles funktioniert reibungslos. Manche Szenen kippen ins Überzeichnete. Die toxischen Dynamiken in Teresas Beziehung sind stellenweise so deutlich ausformuliert, dass ich mich gefragt habe, ob das noch glaubwürdig ist. Dann habe ich mich korrigiert: Emotionaler Missbrauch hat oft genau diese absurden Ausmaße. Vielleicht ist meine Wahrnehmung das Problem, nicht die Darstellung.
Trotzdem: An manchen Stellen hätte subtilere Andeutung mehr Wirkung gehabt als explizite Benennung. Die Balance zwischen Show und Tell schwankt – einige emotionale Zustände werden erklärt, die aus Teresas Handeln ohnehin ablesbar wären.
Die Nebencharaktere bleiben teilweise funktional. Sie dienen Teresas Entwicklung, haben aber nicht immer eigene Tiefe. Das ist bei einem so stark auf die Protagonistin fokussierten Roman nicht ungewöhnlich, schmälert aber die Weltdichte.
Und: Einige Wiederholungen in Teresas Gedankenschleifen könnten gestrafft werden. Ich verstehe die Absicht – Selbsthass ist repetitiv, kreisend, zermürbend. Aber narrativ hätte weniger an manchen Stellen mehr sein können.
Warum dieses Buch trotzdem wichtig ist
„Und wenn ich mich selbst liebe" ist keine leichte Lektüre. Es ist kein Buch, das du mit einem zufriedenen Seufzer zuklappst. Es ist ein Buch, das nachhallt, das unbequeme Fragen stellt, das dich vielleicht wütend macht oder traurig oder beides.
Aber es ist ein ehrliches Buch. Wilk schreibt über Selbstwert, toxische Beziehungen und den langen Weg zu sich selbst mit Respekt vor der Komplexität dieser Themen. Sie vereinfacht nicht, bietet keine schnellen Lösungen, rettet ihre Protagonistin nicht durch äußere Umstände.
Teresa muss lernen, sich selbst zu sehen. Sich selbst Raum zu geben. Sich selbst ernst zu nehmen. Und das ist verdammt schwer zu lesen, weil es verdammt schwer zu leben ist.
Für wen ist dieses Buch?
Für Lesende, die bereit sind, eine Protagonistin durch unbequeme Wahrheiten zu begleiten. Für Menschen, die keine gradlinigen Entwicklungen erwarten, sondern Charaktere, die stolpern, fallen, wieder aufstehen. Für alle, die Geschichten über echte Selbstfindung suchen, nicht nur über romantische Rettung.
Und für alle, die sich schon mal in Büchern verloren haben, weil die Realität zu eng wurde.
Teresa – mit all ihren Rückschritten, kleinen Siegen und schmerzhaften Erkenntnissen – ist eine Figur, die ich so schnell nicht vergessen werde. Und das ist, glaube ich, das größte Kompliment, das man einer Autorin machen kann.
4 von 5 Sternen – für ehrliches Storytelling, das sich traut, schwierig zu bleiben.