A Kingdom of Shadows - Wenn gute Zutaten noch keine gelungene Geschichte machen
A Kingdom of Shadows von Rina Vasquez - Wenn das mittlere Band der Trilogie genau das Problem hat, das mittlere Bände eben haben
Ich sitze hier mit meinem Rezensionsexemplar von "A Kingdom of Shadows" und überlege, wie ich diese Rezension anfangen soll. Normalerweise weiß ich nach einem Buch ziemlich genau, wo ich stehe - begeistert, enttäuscht, irgendwo dazwischen. Aber dieser zweite Band von Rina Vasquez' Drachen-Romantasy hat mich mit so gemischten Gefühlen zurückgelassen, dass ich erst mal sortieren muss.
Fangen wir mit dem Positiven an, denn fair ist fair: Das Grundsetup funktioniert. Nara und Drachenwandler Darius sind auf der Flucht vor der Königin, müssen die Insel der Elemente erreichen, verborgene Elementsteine finden, sich einem mysteriösen Elfenkönig stellen. Die Schreienden Wälder als Setting klingen vielversprechend - Monster, Gefahren, böse Wesen in jedem Schatten. Das hat alles Potenzial für eine spannende Fantasy-Quest mit romantischem Subplot.
Aber - und das ist ein großes Aber - die Umsetzung lässt mich als Autorin und Lektorin ziemlich ratlos zurück.
Das Pacing-Problem oder: Warum sich die erste Hälfte wie Kaugummi zieht
Ich bin ehrlich: Die erste Hälfte des Buches war eine Geduldsprobe. Und ich lese viel, ich bin Pacing-Probleme gewohnt, ich kann normalerweise auch langsamere Passagen schätzen, wenn sie der Charakterentwicklung oder dem Worldbuilding dienen. Aber hier? Hier passiert einfach zu wenig, und das Wenige, das passiert, wird zu breit getreten.
Die Quest durch die Schreienden Wälder folgt einem frustrierend vorhersehbaren Muster: Hindernis auftauchen - Nara und Darius streiten sich - sie versöhnen sich - nächstes Hindernis. Rinse and repeat. Das ist an sich kein schlechter Aufbau für eine Fantasy-Reise, aber Vasquez schafft es nicht, den einzelnen Stationen genug Eigenständigkeit zu geben.
Die Rätsel sind generisch. Die Monster sind austauschbar. Die Prüfungen, die das Paar bestehen muss, hätten aus jedem x-beliebigen Fantasy-Roman stammen können. Wo ist die Kreativität? Wo sind die Details, die diese Welt, diese spezifische Quest, einzigartig machen?
Als Autorin frage ich mich: Warum wurde hier nicht mehr gemacht? Das Konzept der Elementsteine, der Elfenkönig mit seinen "anderen Plänen", die Schreienden Wälder - das sind alles Ansätze, aus denen man richtig was rausholen könnte. Stattdessen bleibt alles merkwürdig oberflächlich.
Goldie, Goldie, Goldie - oder: Wenn ein Nickname zum Trigger wird
Okay, ich muss das ansprechen, auch wenn es vielleicht wie Kleinigkeitskrämerei wirkt: Dieses verdammte "Goldie". Darius nennt Nara durchgehend "Goldie", und nach den ersten zehn Mal dachte ich noch "okay, süß, ein Nickname". Nach fünfzig Mal dachte ich "jetzt reicht's auch mal". Nach hundert Mal wollte ich das Buch gegen die Wand werfen.
Das ist ein perfektes Beispiel für etwas, das im Lektorat hätte auffallen müssen. Repetitive Sprachmuster können charmant sein - in Maßen. Aber wenn ein Nickname so oft verwendet wird, dass er vom eigentlichen Dialog und der Handlung ablenkt, ist die Grenze überschritten.
Was mich als Lektorin besonders ärgert: Das ist so ein einfacher Fix. Variiere die Anreden. Lass Darius mal "Nara" sagen. Oder gar nichts. Oder zeig seine Zuneigung anders. Es gibt tausend Wege, Intimität zwischen Charakteren zu zeigen, ohne einen Begriff totzureiten.
Charakterentwicklung? Fehlanzeige.
Hier liegt für mich das größte Problem des Buches. In Band eins war Naras Konflikt zwischen ihrer Vergangenheit als Drachentöterin und ihrer wachsenden Verbindung zu Darius interessant. Sie hatte Agency, sie hatte einen inneren Kampf, sie musste Entscheidungen treffen.
In "A Kingdom of Shadows"? Nara reagiert hauptsächlich. Die Quest diktiert ihr Handeln, Darius beschützt sie (mal mehr, mal weniger besitzergreifend), und ihre eigentliche Charakterentwicklung bleibt auf der Strecke. Ihr Konflikt mit ihrer Identität wird angerissen, aber nie wirklich durchgearbeitet. Das ist frustrierend, weil das Potenzial da wäre.
Und Darius? Er bleibt der klassische besitzergreifende, beschützende Love Interest. Sexy, ja. Gefährlich, klar. Aber wo ist die Tiefe? Wo sind seine Ängste, seine Zweifel, seine eigene Entwicklung jenseits von "Ich muss Nara beschützen"?
Das ist typisches Fillerband-Syndrom: Die Charaktere treten auf der Stelle, weil ihre eigentliche Entwicklung für Band drei aufgehoben wird. Das kann funktionieren, wenn die Handlung stark genug ist, um das zu kompensieren. Aber hier ist sie es nicht.
Die Spice-Frage oder: Wenn Sex die Handlung ersetzen soll
Ich bin wirklich keine Prüde. Ich liebe gut geschriebene Intimität in Büchern. Spicy Romantasy kann fantastisch sein, wenn die Sexszenen organisch in die Geschichte integriert sind und der Charakterentwicklung oder der Beziehungsdynamik dienen.
Aber in "A Kingdom of Shadows"? Die erste Hälfte ist zäh und handlungsarm, und dann kommt das letzte Drittel, und plötzlich gibt's eine Sexszene nach der anderen. Es fühlt sich nicht an wie eine natürliche Entwicklung der Beziehung zwischen Nara und Darius, sondern eher wie eine Checkliste: "BookTok will Spice, also gibt's jetzt Spice."
Das Problem ist nicht die Menge an expliziten Szenen - das Problem ist der fehlende narrative Zweck. Warum jetzt? Warum hier? Was entwickelt sich zwischen den Charakteren, das diese Intimität rechtfertigt oder vorantreibt? Die Antwort: nicht viel.
Es fühlt sich an, als hätte jemand im Lektorat gesagt: "Wir brauchen mehr Heat", und Vasquez hat dann im letzten Drittel nachgelegt, ohne zu fragen, ob es der Geschichte wirklich dient. Das ist schade, denn die Tension zwischen den beiden funktioniert durchaus. Die knisternde Atmosphäre, das Enemies-to-Lovers-Element - das ist alles da. Aber dann wird es nicht clever genutzt, sondern einfach in explizite Szenen umgemünzt, die sich austauschbar anfühlen.
Was funktioniert (und warum das Buch trotzdem nicht komplett durchfällt)
Okay, genug gemeckert. Es gibt Dinge, die funktionieren.
Die Grunddynamik zwischen Nara und Darius hat nach wie vor was. Vasquez kann Tension schreiben, das muss ich ihr lassen. Wenn die beiden sich streiten, wenn sie sich gegenseitig herausfordern, wenn diese knisternde Energie zwischen ihnen spürbar wird - das sind die Momente, in denen das Buch auflebt.
Die Drachen-Thematik bleibt interessant. Die Idee der Drachenwandler, die Verbindung zwischen Mensch und Drache, die Magie dahinter - das hat Potential, auch wenn es in diesem Band nicht so stark im Vordergrund steht wie im ersten.
Das Worldbuilding rund um die Elemente und den Elfenkönig hätte mehr sein können, aber die Ansätze sind nicht schlecht. Die Schreienden Wälder als Ort voller Gefahren, die magischen Prüfungen, die Elementsteine als MacGuffins - das sind solide Fantasy-Elemente.
Und hey, wenn ihr einfach nur eine unterhaltsame Romantasy mit Drachen, ordentlich Heat und einer Prise Abenteuer sucht, werdet ihr hier durchaus fündig. Das Buch liefert genau das, was auf dem Cover steht. Es ist BookTok-freundlich, es hat alle Zutaten, die gerade im Trend sind, es ist leicht zu lesen.
Das Problem ist nur: Es hätte mehr sein können.
Das Fillerband-Problem oder: Warum mittlere Bände so schwierig sind
Hier ist die Sache: "A Kingdom of Shadows" leidet unter einem klassischen Problem zweiter Bände in Trilogien. Band eins muss die Welt aufbauen, die Charaktere einführen, den Konflikt etablieren. Band drei muss alles auflösen, die große Konfrontation bringen, die Charakterbögen abschließen. Und Band zwei? Band zwei muss die Zeit überbrücken.
Das ist verdammt schwierig. Einige Autoren schaffen es, ihren zweiten Bänden genug eigene Identität zu geben, dass sie nicht nur Überbrückung sind. Sie finden Wege, die Charaktere weiterzuentwickeln, neue Konflikte einzuführen, die Spannung hochzuhalten, ohne dass es sich wie Zeitschinderei anfühlt.
Vasquez schafft das leider nicht. "A Kingdom of Shadows" fühlt sich zu oft an wie: "Wir müssen Nara und Darius von Punkt A nach Punkt B bringen, und auf dem Weg lassen wir sie ein paar Sachen erleben und am Ende ordentlich zur Sache kommen."
Das ist nicht genug für einen befriedigenden Roman.
Mein Fazit: Solide, aber enttäuschend
Ich gebe "A Kingdom of Shadows" drei von fünf Sternen, und das fühlt sich richtig an. Es ist kein schlechtes Buch. Es ist lesbar, es ist unterhaltsam, wenn man in der richtigen Stimmung ist. Es bedient ein bestimmtes Publikum und wird diesem Publikum auch gefallen.
Aber es ist auch kein gutes Buch. Es hat zu viele handwerkliche Schwächen, zu viele verpasste Chancen, zu viel ungenutztes Potenzial. Als jemand, die selbst schreibt und lektoriert, sehe ich all die Stellen, an denen man hätte besser sein können - und das ist frustrierend.
Wenn ihr Romantasy-Fans seid, die einfach nur Drachen, Enemies-to-Lovers und ordentlich Spice wollen: Go for it. Ihr werdet bekommen, was ihr erwartet.
Wenn ihr aber mehr wollt - originelles Worldbuilding, tiefe Charakterentwicklung, cleveres Pacing, Sexszenen die der Geschichte dienen statt sie zu ersetzen - dann werdet ihr enttäuscht sein.
Ich hoffe, dass Band drei wieder zu der Stärke zurückfindet, die der Auftakt hatte. Das Potential ist da. Die Frage ist, ob Vasquez es nutzt.