Jo Nesbø ohne Harry Hole. Wie fühlt sich das an?

Ich habe Minnesota vor allem aus einem Grund gelesen: Neugier. Jo Nesbø gehört zu den Autoren, deren Bücher ich nicht ohne Weiteres übergehe, auch wenn ich in den letzten Jahren eine gewisse Erwartungsmüdigkeit entwickelt habe. Harry Hole hat die Latte hochgelegt, und ich wollte wissen, ob ein neuer Ermittler, ein neues Setting, ein frischer Anfang wirklich frisch wirkt.

Die kurze Antwort: teilweise.

Als Leserin

Die ersten Kapitel haben mich reingeholt. Der Fall ist von Anfang an interessant, ein Täter der nicht einfach Böse ist, sondern mit einer inneren Logik handelt, die ich als Leserin nachvollziehen kann ohne ihr zuzustimmen. Das amerikanische Minneapolis als Schauplatz fühlt sich erdgeerdet an, nicht kulissenhaft, und das Thema Waffenrecht ist so eingebaut, dass es nie belehrend wirkt, aber immer präsent bleibt. Das hat mir gut gefallen.

Was mich aus dem Lesemodus gerissen hat, war Bob Oz. Ich wollte ihn mögen. Ich habe ihm Zeit gegeben. Aber er ist mir nie nähergekommen. Sein Schmerz um die verstorbene Tochter, die zerbrochene Ehe, die Einsamkeit, das sind starke Ausgangspunkte für eine Figur. Nur: Ich habe das alles wahrgenommen wie Informationen über jemanden, nicht wie das Erleben einer Person. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass mich der Täter mehr interessiert hat als der Mann, der ihn jagt. Das ist keine angenehme Leseerfahrung.

Als Autorin

Ich habe beim Lesen viel darüber nachgedacht, wie schwer es ist, einen neuen Serienhelden zu etablieren, wenn man schon einen ikonischen hat. Nesbø weiß das vermutlich selbst. Harry Hole ist nicht einfach ein Ermittler, er ist ein Archetyp. Oz ist noch in der Entstehung, und das merkt man der Geschichte an. Es fehlt die Selbstverständlichkeit, mit der Hole eine Seite betritt.

Was ich interessant finde, ist die Entscheidung, den Täter als fast gleichwertige Erzählebene zu behandeln. Das erzeugt Spannung, verlangt aber auch, dass der Ermittler dagegen bestehen kann. Hier entsteht ein Ungleichgewicht, das das Pacing beeinflusst. Wenn ich als Autorin etwas mitnehme: Die Figurenhierarchie muss klar sein, und wenn der Antagonist faszinierender ist als der Protagonist, braucht es eine sehr bewusste Entscheidung dafür, oder eine strukturelle Lösung.

Als Lektorin

Hier bin ich am kritischsten. Das Trauma von Bob Oz ist dramaturgisch nicht gut verankert. Trauma als Figurenanker funktioniert dann, wenn es in der Haupthandlung eine Entsprechung findet oder die Figur in eine aktive Transformation zwingt. Beides passiert hier zu selten. Der Schmerz bleibt Dekoration, und das merkt man.

Das Pacing ist das zweite Problem. Minnesota hat Längen, die nicht aus Atmosphäre entstehen sondern aus Detaildichte, die keinen dramaturgischen Mehrwert hat. Ein Lektor, der hier eingegriffen hätte, um zwanzig bis dreißig Seiten zu straffen, hätte dem Buch gut getan. Die Grundstruktur des Falls ist stabil, der dritte Akt funktioniert, und das Ende hat tatsächlich Zug. Aber der Weg dorthin hat mich an einigen Stellen Ausdauer gekostet.

Fazit

Minnesota ist kein schlechtes Buch. Es ist ein kompetenter, gesellschaftlich relevanter Krimi mit einem gut konstruierten Fall und einem Täter, den ich so schnell nicht vergessen werde. Aber es ist auch ein Buch, das noch nicht ganz angekommen ist, weder beim Ermittler noch beim Pacing. Wer Nesbø liebt und bereit ist, Bob Oz als work in progress zu begegnen, wird gut unterhalten. Wer tiefe Figurenarbeit erwartet, könnte wie ich mit einem leichten Fragezeichen zurückbleiben. Ich bin gespannt, ob die Figur in einem zweiten Band zu sich findet. Potenzial ist vorhanden. Überzeugung noch nicht.

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Wenn ein Pageturner mehr auf Tempo als auf Tiefe setzt