Phönixfeuer - Die letzte Flamme: Wenn Versteck-Spielen zur Lebensaufgabe wird
Es gibt Bücher, die lese ich nebenbei. Und dann gibt es Bücher wie "Phönixfeuer - Die letzte Flamme" von Pia L. Sorrel, bei denen ich nach den ersten Seiten merke: Okay, hier wird's interessant. Als Lektorin und Autorin habe ich einen ganz speziellen Blick auf Fantasy-Romane entwickelt – und dieser hier hat mich auf mehreren Ebenen überrascht.
Eine Protagonistin, die ihren Namen nicht verdient hat – noch nicht
Elyria. "Freiheit". Ein Name, der wie Hohn klingt, wenn man sein ganzes Leben damit verbracht hat, sich zu verstecken. Seit Jahrhunderten verbirgt sie ihre wahre Natur als letzte eines vergessenen Volkes. Niemand darf erfahren, welche Macht in ihr schlummert. Hexen und Vampire haben ihre Familie ausgelöscht – und sie hat gelernt, wie man existiert, ohne wirklich da zu sein.
Was mich an dieser Figur sofort gepackt hat: Sie ist nicht einfach nur "die letzte ihrer Art mit besonderen Kräften". Sie ist vielschichtig, macht Fehler, zweifelt, hat Angst. Ihre Entwicklung im Verlauf der Geschichte fühlt sich organisch an. Ich habe gespürt, wie ihre Fassade bröckelt, wie sie langsam zu sich selbst findet – und das funktioniert, weil Sorrel ihr die Zeit dafür gibt. Keine erzwungene Verwandlung über Nacht, sondern eine Reise, die nachvollziehbar ist.
Worldbuilding, das nicht nach Hausaufgabe schmeckt
Ich habe schon viele Fantasy-Welten gelesen, die sich anfühlen wie ein Lexikon-Eintrag. Hier ist das anders. Die Welt der Fae mit ihren Kontrasten zwischen Licht und Dunkelheit ist nicht einfach nur Kulisse – sie ist Teil der Geschichte. Das Schattenfest, die Nacht der dunklen Sterne, die politischen Verstrickungen zwischen Menschen, Fae, Vampiren, Werwölfen und Hexenzirkeln – all das wird organisch in die Handlung eingewoben.
Als Autorin weiß ich, wie schwer es ist, Worldbuilding zu betreiben, ohne in Info-Dumps zu verfallen. Sorrel löst das geschickt über Dialoge, über kulturelle Details, die sich nebenbei offenbaren. Die verschiedenen Fraktionen und ihre Bündnisse verleihen der Geschichte eine politische Komplexität, die über das klassische "Gut gegen Böse" hinausgeht. Es gibt keine eindeutigen Fronten – und das macht die Welt glaubwürdig.
Sprache, die Bilder erschafft
Die größte Stärke des Romans liegt in der bildgewaltigen Sprache. Sorrel versteht es, Szenen zu erschaffen, die vor dem inneren Auge lebendig werden. Die atmosphärische Dichte zieht einen unmittelbar in die Geschichte hinein. Die Dialoge wirken authentisch – sie haben Sprechpausen, emotionale Nuancen, klingen nach echten Menschen (oder eben Fae), nicht nach verkappten Erklärungen in Gesprächsform. Die Übergänge zwischen Kapiteln sind elegant gelöst und halten den Lesefluss aufrecht.
Was mir als Lektorin besonders aufgefallen ist: Der Schreibstil entwickelt sich im Verlauf des Romans erkennbar weiter. Man merkt, wie die Autorin sicherer wird, wie die Sprache an Eleganz gewinnt. Das ist etwas, das ich bei gelungenen Fantasy-Debüts schätze – die Entwicklung ist spürbar und zeigt handwerkliches Können.
Beziehungsdynamik, die funktioniert
Elyria und Vaelion, der geheimnisvolle König der Dunkel-Fae. Eine Verbindung aus Feuer und Dunkelheit, wie es im Klappentext heißt – und ja, das klingt erstmal nach Standard-Fantasy-Romance. Aber die Autorin macht daraus mehr.
Die Beziehungsdynamik ist intensiv und vielschichtig. Vaelion sieht in Elyria Dinge, die sie selbst längst verloren glaubte. Die intimeren Szenen sind einfühlsam geschrieben, tragen zur Charakterentwicklung bei und wirken nie wie Selbstzweck. Sie haben emotionale Tiefe und zeigen, wie sich die Verbindung zwischen den Figuren entwickelt – nicht nur körperlich, sondern auch auf psychologischer Ebene.
Was ich schätze: Die Romance überschattet nicht die eigentliche Handlung. Elyrias Entwicklung ist nicht abhängig von Vaelion, sondern findet parallel dazu statt. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Fazit: Ein vielversprechender Auftakt mit Herz
"Phönixfeuer - Die letzte Flamme" ist ein gelungenes Fantasy-Debüt mit überzeugenden Charakteren, einer durchdachten Welt und einer emotional packenden Handlung. Pia L. Sorrel hat eine Geschichte erschaffen, die sowohl durch ihre bildgewaltige Sprache als auch durch ihre vielschichtigen Figuren besticht.
Wer Fantasy mit starken Frauenfiguren, komplexem Worldbuilding und einer Prise intensiver Romantik mag, sollte hier zugreifen. Die Kombination aus atmosphärischem Schreibstil, organischem Worldbuilding und authentischen Charakteren macht diesen Reihenauftakt zu einem Leseerlebnis, das im Gedächtnis bleibt.
Ich bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht und ob Elyria endlich die Freiheit findet, die ihr Name verspricht. Band zwei steht definitiv auf meiner Liste.
Bewertung: 5/5 Sternen