Rosebay Hope - Irischer Winterzauber: Wenn Cozy Vibes allein nicht reichen
Es gibt diese Momente beim Lesen, wo man spürt: Die Idee ist gut. Wirklich gut. Und dann merkt man Seite für Seite, wie Potenzial auf der Strecke bleibt. "Rosebay Hope - Irischer Winterzauber" von Jennifer Wellen war so ein Moment für mich.
Die Prämisse klingt nach Storytelling-Gold
Stellt euch vor: Ivy betreibt die Konditorei "Vanilla Queen" in der irischen Kleinstadt Marble Hill. Sie kreiert kunstvolle Winterkreationen – Pralinen mit Fichtennadeln, Nusstorten als Winterlandschaften glasiert. Die Adventszeit ist ihre Zeit. Bis plötzlich alles zusammenbricht: Ihr Freund macht Schluss, und dann verliert sie auch noch ihren Geschmackssinn. Ausgerechnet jetzt, kurz vor ihrer Teilnahme an einer TV-Backshow.
Das ist dramatisches Gold. Der Geschmackssinn ist für eine Konditorin nicht nur ein Werkzeug, es ist ihre Identität, ihre Existenz. Diese Prämisse verspricht emotionale Tiefe, innere Konflikte, echte Stakes.
Die Atmosphäre funktioniert
Was Wellen wirklich gut kann: Stimmung schaffen. Die verschneite irische Kleinstadt, die gemütliche Konditorei, die winterlichen Backkreationen – das alles wird liebevoll und sinnlich beschrieben. Man riecht förmlich den Zimt, spürt die Kälte draußen, während drinnen der Ofen wärmt. Als Cozy-Setting funktioniert Marble Hill einwandfrei.
Auch die Idee mit den verschiedenen Weihnachtsbestellungen der Kleinstadtbewohner ist charmant. Man bekommt Einblicke in die Community, sieht Ivys Rolle im Gefüge der Stadt. Das hätte das Fundament für eine wirklich berührende Geschichte sein können.
Wo es hakt: Die Charaktere
Hier liegt mein Hauptproblem mit dem Buch. Ivy bleibt seltsam konturlos. Sie durchlebt eine existenzielle Krise – der Verlust ihres Geschmackssinns bedroht nicht nur ihre Karriere, sondern ihre gesamte Identität als Künstlerin. Dazu kommt die frische Trennung. Das sind massive emotionale Schläge, die einen Menschen zutiefst erschüttern sollten.
Stattdessen wirkt Ivys Reaktion gedämpft, fast schon praktisch. Sie macht sich Sorgen um die Bestellungen, um die TV-Show, aber ich spüre nicht ihre Verzweiflung, ihre Angst, ihre Panik. Als Leserin bleibe ich emotional außen vor, weil die Geschichte mir erzählt, was Ivy fühlt, statt es mich wirklich erleben zu lassen.
Noel, der neue Arzt, der ihr seine Hilfe anbietet, bleibt noch blasser. Er ist charmant, gutaussehend, hilfsbereit – aber was macht ihn als Person aus? Welche Ecken und Kanten hat er? Welche eigenen Konflikte bringt er mit? Die Romance entwickelt sich nach dem üblichen Schema: Sie begegnen sich, es funkt, es gibt kleine Missverständnisse, am Ende kommen sie zusammen. Vorhersehbar und ohne die emotionale Intensität, die eine Romance wirklich packend macht.
Aus der Lektorinnen-Perspektive: Ungenutztes Potenzial
Was mich als Lektorin frustriert, ist die Diskrepanz zwischen Potenzial und Umsetzung. Die Geschichte hätte alle Zutaten für echte emotionale Tiefe:
Der Geschmacksverlust als metaphorische und reale Krise
Die TV-Show als Höhepunkt mit hohen Stakes
Die Kleinstadt-Community als Unterstützungssystem oder Druckkulisse
Die Nebencharaktere mit ihren eigenen Geschichten
Aber all das wird nur angedeutet, nie wirklich durchdrungen. Die TV-Show-Szenen hätten spannend und nervenaufreibend sein können – stattdessen laufen sie merkwürdig glatt. Die Nebencharaktere tauchen auf, erfüllen ihre Funktion und verschwinden wieder, ohne wirklich lebendig zu werden.
Das größte Problem aus handwerklicher Sicht: Zu viel "telling", zu wenig "showing". Gerade bei einem Buch, das so sehr auf Sinnlichkeit setzen sollte – auf Geschmack, Geruch, Textur –, fehlt paradoxerweise genau diese sinnliche Erfahrung. Ich lese, dass Ivy etwas schmeckt oder nicht schmeckt, aber ich fühle es nicht. Die Panik, die entstehen sollte, wenn man plötzlich keinen Zugang mehr zu einem fundamentalen Sinn hat, bleibt abstrakt.
Was funktioniert trotzdem
Trotz dieser Kritikpunkte will ich fair sein: "Rosebay Hope" erfüllt seinen Zweck als leichte Weihnachtslektüre. Die cozy Atmosphäre stimmt, die Grundidee ist charmant, und das Buch liest sich flüssig weg. Für einen entspannten Winterabend, wenn man keine emotionale Achterbahnfahrt will, sondern einfach nur gemütliche Vibes und ein Happy End, funktioniert es absolut.
Die winterlichen Beschreibungen sind stimmungsvoll, die Backkreationen klingen verlockend, und die irische Kleinstadt hat ihren Charme. Wellen versteht es, eine wohlige Atmosphäre zu schaffen, in der man sich als Leserin gerne aufhält.
Mein Fazit: Cozy ja, aber ohne emotionale Tiefe
"Rosebay Hope - Irischer Winterzauber" ist ein Buch mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite steht eine vielversprechende Prämisse und ein stimmungsvolles Setting. Auf der anderen Seite eine Umsetzung, die an der emotionalen Oberfläche bleibt.
Als Lektorin sehe ich hier das klassische Problem: Eine gute Idee reicht nicht, wenn die Charaktere nicht mit der nötigen Tiefe ausgestaltet werden. Die Geschichte braucht keine komplizierte Handlung oder dramatische Twists – aber sie braucht Figuren, die ich als Leserin wirklich verstehe, mit denen ich mitfiebere, deren Schmerz und Freude ich nachvollziehen kann.
Für Leser, die in der Weihnachtszeit einfach nur in eine gemütliche Geschichte eintauchen wollen, ist das Buch eine solide Wahl. Für alle, die auch bei leichten Romanen Wert auf psychologische Tiefe und komplexe Charakterentwicklung legen, wird "Rosebay Hope" eher enttäuschen.
3 von 5 Sternen – für die Atmosphäre und die Grundidee, aber mit deutlichen Abzügen bei der Charakterzeichnung und emotionalen Tiefe.
Habt ihr das Buch gelesen? Wie steht ihr zu Cozy Reads – reichen euch stimmungsvolle Vibes aus, oder braucht ihr auch hier emotionale Komplexität? Ich bin gespannt auf eure Meinungen!