Rebel Witch (Der rote Nachtfalter 2) – Wenn eine Fortsetzung den Auftakt übertrifft
Es gibt diese seltenen Momente beim Lesen, in denen alles stimmt. Das Pacing, die Charaktere, die Romance, der Suspense – einfach alles. "Rebel Witch", der zweite Band der Reihe um die Hexe Rune und den Hexenjäger Gideon, ist so ein Moment.
Die Prämisse: Flucht, Verrat und unmögliche Entscheidungen
Nach den Ereignissen des ersten Bandes ist Rune auf der Flucht. Ihre wahre Identität als Hexe ist enthüllt, und in einer Welt, in der Hexen gejagt werden, bedeutet das Lebensgefahr. Am meisten schmerzt sie der Verrat durch Gideon, den Hexenjäger, der ihr Herz in Flammen gesetzt hat. Doch manchmal zwingt einen das Schicksal zu seltsamen Allianzen: Rune und Gideon müssen zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass eine alte Feindin die Macht an sich reißt. Und während sie Seite an Seite kämpfen, wird es immer schwerer, ihre Gefühle füreinander zu unterdrücken.
Das Pacing: Jede Szene zählt
Was mich sofort in den Bann gezogen hat, ist das Tempo dieser Geschichte. Die Autorin versteht es, die Balance zu halten zwischen Action und ruhigeren Momenten, zwischen äußeren Konflikten und inneren Kämpfen. Keine Szene fühlt sich überflüssig an. Jedes Kapitel treibt entweder die Handlung voran oder vertieft unsere Verbindung zu den Charakteren. Das ist handwerklich exzellente Arbeit – und als jemand, der beruflich Manuskripte lektoriert, weiß ich, wie schwer es ist, dieses Gleichgewicht zu halten.
Von der ersten Seite an wird ein Tempo angeschlagen, das nie nachlässt, ohne dabei zu hetzen. Man hat Zeit, die Welt zu erleben, die Charaktere kennenzulernen, aber man wird nie ungeduldig. Das ist die Art von Pacing, die einen dazu bringt, "nur noch ein Kapitel" zu sagen – und dann plötzlich feststellt, dass es drei Uhr morgens ist.
Das Worldbuilding: Eine Welt, die atmet
Das magische System in "Rebel Witch" ist durchdacht und konsistent. Es gibt klare Regeln für die Magie, es gibt Konsequenzen für ihre Nutzung, und es gibt Grenzen. Das macht die Welt glaubwürdig. Man spürt, dass hier ein Fundament existiert, auf dem die Geschichte ruht.
Besonders beeindruckend ist, wie die Autorin die politischen Strukturen einwebt. Die Beziehung zwischen Hexen und Hexenjägern ist nicht einfach schwarz-weiß. Es gibt Geschichte hier, es gibt Machtkämpfe, es gibt Nuancen. Die Gesellschaft, in der Rune und Gideon leben, fühlt sich real an – mit all ihren Ungerechtigkeiten, ihren Traditionen, ihren Widersprüchen.
Und das Beste: All das wird nicht in langen Erklärpassagen abgehandelt. Man erfährt diese Welt durch die Handlung, durch die Augen der Charaktere, durch Dialoge und Szenen. Organisches Worldbuilding vom Feinsten.
Die Romance: Komplexität statt Klischees
Rune und Gideon haben eine Chemie, die von der ersten Seite an greifbar ist. Aber das ist keine einfache "Enemies to Lovers" Geschichte, auch wenn sie auf den ersten Blick so wirken mag. Die Komplexität ihrer Beziehung liegt in den moralischen Dilemmata, in den Loyalitätskonflikten, in der Frage nach Vergebung und Vertrauen.
Gideon ist ein Hexenjäger – das ist nicht nur sein Beruf, sondern seine Identität, seine Erziehung, sein Weltbild. Rune zu lieben bedeutet für ihn, alles in Frage zu stellen, was er je geglaubt hat. Und Rune? Sie muss entscheiden, ob sie jemandem vertrauen kann, der sie verraten hat, der zu den Menschen gehört, die ihr Volk jagen.
Die Autorin nimmt sich Zeit für diese Entwicklung. Die beiden fallen nicht einfach ineinander – sie kämpfen, sie zweifeln, sie machen Fehler. Und genau das macht ihre Beziehung so überzeugend. Man spürt, dass hier echte Gefühle im Spiel sind, nicht nur Genre-Konventionen.
Was mir besonders gefällt: Die Romance überschattet nie die Handlung, aber sie ist auch kein bloßes Nebenprodukt. Sie ist organisch in die Geschichte eingewebt. Die emotionalen Entwicklungen der Charaktere beeinflussen ihre Entscheidungen, ihre Entscheidungen beeinflussen ihre Beziehung. Es fühlt sich real an.
Der Suspense: Bedrohung, die man spürt
Die alte Feindin, die nach der Macht greift, ist keine flache Antagonistin. Sie hat Motivationen, die nachvollziehbar sind – auch wenn ihre Methoden verwerflich bleiben. Das macht sie gefährlich, weil man versteht, warum sie tut, was sie tut. Die beste Art von Antagonisten sind diejenigen, die glauben, im Recht zu sein.
Die Bedrohung fühlt sich durchgehend real an. Es gibt echte Stakes in dieser Geschichte, echte Konsequenzen. Man sorgt sich um die Charaktere, weil man weiß, dass sie tatsächlich verlieren können. Der Suspense wird geschickt aufgebaut und gehalten – durch Plottwists, die überraschen, ohne aus dem Nichts zu kommen, durch Cliffhanger, die organisch aus der Handlung entstehen, durch eine konstante Grundspannung, die nie nachlässt.
Die Charaktere: Wachstum ohne Verrat an der Essenz
Rune hat sich entwickelt seit dem ersten Band. Sie ist gereift, stärker geworden, aber sie hat ihre Essenz nicht verloren. Sie zweifelt immer noch, sie macht immer noch Fehler, sie kämpft immer noch mit ihren Gefühlen. Und genau das macht sie zu einer glaubwürdigen Protagonistin.
Als Autorin schätze ich Charaktere, die Bögen durchlaufen, die sich verändern, aber nicht so sehr, dass man sie nicht mehr wiedererkennt. Runes Entwicklung fühlt sich natürlich an – sie reagiert auf das, was ihr passiert, sie lernt aus ihren Fehlern, aber sie behält ihre Grundwerte bei.
Gideon ist vielleicht sogar noch interessanter in diesem Band. Seine inneren Konflikte – zwischen dem, was man von ihm erwartet, und dem, was er wirklich will – sind psychologisch fundiert umgesetzt. Er ist kein perfekter Love Interest, der alle richtigen Dinge sagt. Er ist fehlbar, manchmal frustrierend, aber immer menschlich.
Die Nebencharaktere bekommen ebenfalls Raum zu atmen. Sie sind nicht nur Staffage, sondern haben eigene Motivationen, eigene Geschichten. Das macht die Welt lebendiger.
Was funktioniert handwerklich besonders gut
Als jemand, der beruflich Manuskripte analysiert, möchte ich ein paar Dinge hervorheben, die handwerklich einfach sauber gelöst sind:
Informationsvergabe: Die Autorin dosiert Informationen geschickt. Man erfährt, was man wissen muss, wenn man es wissen muss – nicht früher, nicht später. Das hält die Spannung hoch und vermeidet Info-Dumps.
Dialoge: Die Gespräche zwischen den Charakteren treiben die Handlung voran und offenbaren gleichzeitig Charaktertiefe. Es gibt kein unnötiges Geplänkel, aber auch keine sterilen Informationsaustausch-Gespräche. Die Dialoge klingen natürlich.
Perspektive: Die Ich-Perspektive aus Runes Sicht funktioniert hervorragend für diese Geschichte. Wir sind nah an ihr dran, wir erleben ihre Gedanken und Gefühle unmittelbar, aber wir sind auch beschränkt auf das, was sie weiß und sieht. Das schafft zusätzliche Spannung.
Szenenstruktur: Jede Szene hat einen klaren Zweck. Es gibt einen Anfang, eine Mitte, ein Ende. Konflikte werden eingeführt und entwickelt. Das sorgt für einen kontinuierlichen Lesefluss.
Was mich als Leserin bewegt hat
Über all die technischen Aspekte hinaus ist "Rebel Witch" einfach eine Geschichte, die mich emotional gepackt hat. Ich habe mit Rune mitgelitten, ich habe mit Gideon mitgefiebert, ich habe mich über Nebenfiguren gefreut und über andere geärgert.
Es gibt Szenen in diesem Buch, die mir noch Tage später im Kopf geblieben sind. Momente zwischen Rune und Gideon, die so intim und verletzlich waren, dass ich das Gefühl hatte zu viel zu sehen. Actionszenen, bei denen mein Puls raste. Ruhige Augenblicke, die mir Zeit gaben zu atmen und nachzudenken.
Das ist es, was eine gute Geschichte ausmacht: Sie bleibt bei einem. Sie lässt einen nicht los, auch wenn man das Buch längst zugeklappt hat.
Für wen ist dieses Buch geeignet?
"Rebel Witch" ist perfekt für alle, die:
Komplexe Fantasy-Romanzen mit Tiefgang schätzen
Starke, fehlbare Protagonistinnen lieben
Durchdachtes Worldbuilding und konsistente magische Systeme mögen
"Enemies to Lovers" Dynamics mit echten moralischen Dilemmata suchen
Geschichten wollen, die sowohl handlungsgetrieben als auch charakterfokussiert sind
Wenn du den ersten Band geliebt hast, wirst du diesen hier noch mehr lieben. Und wenn du neu in die Reihe einsteigst – lies definitiv zuerst Band eins. Diese Geschichte baut aufeinander auf, und du würdest dir sonst wichtige Entwicklungen entgehen lassen.
Fazit
"Rebel Witch" ist eine Fortsetzung, die beweist, dass zweite Bände nicht nur Überbrückungen sein müssen. Die Geschichte entwickelt sich weiter, die Charaktere wachsen, die Welt wird tiefer. Das Pacing ist makellos, die Romance komplex und überzeugend, der Suspense konstant präsent.
Ich habe jede Seite dieses Buches geliebt, und ich bin jetzt schon ungeduldig auf Band drei. Diese Reihe ist ein Paradebeispiel dafür, wie Fantasy-Romance funktionieren kann, wenn man bereit ist, die Zeit und Arbeit zu investieren, Charaktere und Welt mit Sorgfalt aufzubauen.
Absolute Leseempfehlung von mir – 5 von 5 Sternen, ohne zu zögern.