The Witch Collector: Wenn gute Ideen an der Umsetzung scheitern
Es gibt Bücher, bei denen ich nach dem Lesen frustriert bin – nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie SO nah dran waren, großartig zu sein. "The Witch Collector" ist genau so ein Fall. Mit 2,5 von 5 Sternen verlasse ich diese Geschichte mit dem Gefühl, dass hier unglaublich viel Potenzial verschenkt wurde.
Die Prämisse: Vielversprechend und mutig
Raina Bloodgood hat nur ein Ziel: Sie will den Witch Collector töten, der ihre Schwester entführt hat. Am Tag der Ernte, wenn der Frost King wieder seine Tribute fordert, will sie Rache nehmen. Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Eine noch größere Bedrohung setzt die Welt in Brand, und ausgerechnet Alexus Thibault – der Mann, den sie umbringen wollte – ist der Einzige, der ihr helfen kann, ihre Schwester zu retten.
Enemy-to-Lovers in einem Fantasy-Setting mit nordischen Göttern, Eis und Feuer? Das klingt nach einer Kombi, die funktionieren sollte. Hinzu kommt ein Element, das mich sofort neugierig gemacht hat: Raina ist gehörlos und kommuniziert über Gebärdensprache. Repräsentation, die im Fantasy-Genre viel zu selten vorkommt.
Was funktioniert: Repräsentation als Stärke
Ich möchte mit dem Positiven beginnen, denn es gibt einen Aspekt, für den ich der Autorin wirklich dankbar bin: Die Integration von Gebärdensprache als selbstverständlichen Teil der Geschichte. Raina nutzt Gebärden nicht als Hindernis oder tragischen Backstory-Punkt, sondern als natürliche Form der Kommunikation. Das ist mutig und wichtig.
Der zitierte Dialog – "Vielleicht können unsere Dunkelheiten Freunde sein" – zeigt, dass die Autorin interessante zwischenmenschliche Dynamiken schaffen kann. Diese Idee, dass zwei Menschen mit ihren jeweiligen dunklen Seiten zusammenfinden, hat etwas Poetisches.
Aber (und hier kommt das große Aber): Diese Thematik wird nicht wirklich vertieft. Die Gebärdensprache bleibt zu oft ein charakteristisches Merkmal statt einer durchdachten Repräsentation mit allen Facetten, die dazugehören. Und die "Dunkelheit" beider Charaktere? Wird angedeutet, aber nie wirklich ausgeleuchtet. Was genau ist diese Dunkelheit? Woher kommt sie? Warum sollte sie verbinden statt trennen?
Als Autorin weiß ich: Solche Andeutungen reichen nicht. Wenn ich einen zentralen Aspekt in die Geschichte einwebe – sei es Repräsentation oder charakterliche Tiefe – muss ich ihn konsequent durchziehen. Sonst wird daraus ein leeres Versprechen.
Das Pacing-Problem: Zwischen Langeweile und Chaos
Hier beginnt mein größtes Problem mit diesem Buch. Das Pacing ist eine Katastrophe. Und ich meine das nicht leichtfertig – als Lektorin sehe ich täglich Manuskripte mit Pacing-Problemen, aber "The Witch Collector" schwankt zwischen zwei Extremen auf eine Weise, die das Leseerlebnis massiv beeinträchtigt.
Die ersten Kapitel ziehen sich. Es passiert wenig, die Handlung dümpelt vor sich hin, Beschreibungen wiederholen sich. Ich wartete darauf, dass die Geschichte Fahrt aufnimmt, dass etwas Bedeutsames passiert. Dann, plötzlich, explodiert alles.
Innerhalb weniger Seiten werden neue Charaktere eingeführt, Götternamen fallen wie Konfetti, Fraktionen werden erwähnt, Backstories angedeutet, Plottwists enthüllt. Ich saß da mit dem Buch und dachte: "Moment, wer war das nochmal? Welcher Gott gehört zu welcher Fraktion? Und warum handelt diese Person jetzt plötzlich so?"
Das ist keine gut dosierte Spannungskurve. Das ist eine Berg-und-Tal-Fahrt, die mich als Leserin nicht mitnimmt, sondern verwirrt zurücklässt.
Worldbuilding: Gute Idee, chaotische Umsetzung
Die Welt aus Eis, Feuer und alten Göttern hat theoretisch alles, was gutes Fantasy-Worldbuilding braucht. Eine komplexe Mythologie, verschiedene Machtstrukturen, magische Systeme. Aber die Umsetzung? Chaotisch.
Als Lektorin erkenne ich das Problem sofort: Die Informationsvergabe ist nicht strukturiert. Entweder bekomme ich zu wenig Kontext, um Ereignisse einzuordnen, oder ich werde mit Details überschüttet, die nicht organisch in die Handlung eingebettet sind. Namen werden genannt, ohne dass ich weiß, warum sie wichtig sind. Götter werden erwähnt, aber ihre Rolle im großen Ganzen bleibt vage.
Ein gutes Beispiel für gelungenes Worldbuilding ist, wenn ich als Leserin nach und nach verstehe, wie die Welt funktioniert, ohne dass mir ein Infodump präsentiert wird. Hier hatte ich das Gefühl, entweder im Dunkeln zu tappen oder mit einem Lexikon erschlagen zu werden.
Die Magiesysteme und göttlichen Machtstrukturen bleiben zu vage. Regeln werden aufgestellt und dann gebrochen, ohne dass nachvollziehbare Konsequenzen folgen. An einigen Stellen machte die Handlung einfach keinen Sinn. Charaktere treffen Entscheidungen, die ihrer bisherigen Entwicklung widersprechen, nur weil der Plot es gerade braucht.
Charakterentwicklung: Zu schnell, zu oberflächlich
Raina soll sich von "Ich will diesen Mann töten" zu "Vielleicht ist er doch der Held meiner Geschichte" entwickeln. Das ist klassische Enemy-to-Lovers-Dynamik, und wenn sie gut gemacht ist, liebe ich diesen Trope.
Aber diese Entwicklung muss verdient sein. Ich muss als Leserin nachvollziehen können, warum sich Rainas Gefühle ändern. Welche Momente bringen sie dazu, Alexus anders zu sehen? Welche Eigenschaften entdeckt sie an ihm, die ihre ursprüngliche Meinung in Frage stellen?
All das passiert viel zu schnell. Der Wandel vollzieht sich in Lichtgeschwindigkeit, ohne dass ich emotional mitgenommen werde. Ein gutes Buch lässt mich fühlen, warum Charaktere handeln, wie sie handeln. Hier blieb ich distanziert, konnte die Entwicklung nicht nachvollziehen.
Alexus bleibt ebenfalls blass. Der mysteriöse, dunkle Witch Collector mit verborgenen Tiefen? Hätte funktionieren können. Aber seine Charakterisierung kratzt nur an der Oberfläche. Seine Motivationen bleiben unklar, seine Vergangenheit wird angedeutet, aber nie wirklich enthüllt.
Was hätte helfen können?
Als jemand, der beruflich mit Manuskripten arbeitet, sehe ich genau, wo Überarbeitung hätte helfen können:
Pacing straffen: Die Handlung gleichmäßiger verteilen. Weniger ereignisarme Passagen, weniger überfrachtete Plotentwicklungen. Eine konsistente Spannungskurve aufbauen.
Informationsvergabe dosieren: Weltenbau-Details organisch einstreuen statt sie in Info-Dumps zu packen. Jede neue Information sollte einen Grund haben, genau JETZT enthüllt zu werden.
Charakterentwicklung vertiefen: Raina und Alexus mehr Zeit geben, sich zu entwickeln. Konkrete Szenen schaffen, in denen ihr Wandel sichtbar wird. Zeigen statt erzählen.
Thematische Tiefe schaffen: Die Gebärdensprache nicht nur als Merkmal nutzen, sondern als integralen Teil der Geschichte behandeln. Die "Dunkelheit" beider Charaktere wirklich erforschen.
Fazit: Verschenktes Potenzial
"The Witch Collector" ist das perfekte Beispiel für ein Buch, das alle richtigen Zutaten hatte, aber am Rezept gescheitert ist. Die Idee einer gehörlosen Protagonistin in einem Fantasy-Setting? Großartig. Enemy-to-Lovers mit Götter-Mythologie? Vielversprechend. Die Umsetzung? Leider mangelhaft.
Das frustriert mich, weil ich sehe, was dieses Buch hätte sein können. Mit besserem Pacing, strukturierterem Worldbuilding und tieferer Charakterentwicklung hätte hier eine wirklich besondere Geschichte entstehen können.
Für wen ist dieses Buch trotzdem geeignet? Wenn ihr bereit seid, über strukturelle Schwächen hinwegzusehen und euch vor allem für die Repräsentation und die Grundidee interessiert, könnte es funktionieren. Wenn ihr aber Wert auf solide Handwerksarbeit, nachvollziehbare Charakterentwicklung und konsistentes Pacing legt, werdet ihr wahrscheinlich ähnlich frustriert sein wie ich.
Meine 2,5 Sterne setzen sich zusammen aus: 0,5 Sternen für die wichtige Repräsentation, 1 Stern für die interessante Prämisse, 0,5 Sterne für einzelne gelungene Momente, 0,5 Sterne für den Mut, etwas anderes zu versuchen. Der Rest? Geht leider in handwerklichen Schwächen unter.
Habt ihr "The Witch Collector" gelesen? Wie war eure Erfahrung mit dem Buch? Kennt ihr andere Fantasy-Romane, die Gebärdensprache besser integrieren? Ich bin gespannt auf eure Meinungen.