Wenn der Tod ein Versprechen ist: Meine drei Blickwinkel auf "Das dreizehnte Kind"

Ich gestehe, dass mich der Klappentext schon beim ersten Lesen erwischt hat. Eine Heilerin, die dem Tod versprochen wurde. Eine Gabe, die gleichzeitig Fluch ist. Märchenhafte Dunkelheit, Geister, ein zerfallenes Königreich. Das ist exakt die Art Fantasy, für die ich alles andere zur Seite lege. Erin A. Craig kannte ich bereits, und ich wusste, sie hat ein Gespür für Atmosphäre. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an "Das dreizehnte Kind".

Was ich bekommen habe, war nicht ganz das, was ich erhofft hatte. Aber es war auch nicht wenig.

Als Leserin: Was mich von der ersten Seite an überrascht hat, ist die Zeitstruktur. "Das dreizehnte Kind" begleitet Hazel nicht durch eine komprimierte Krisenerzählung, sondern durch mehrere Jahrzehnte ihres Lebens. Das ist im Fantasy-Genre ungewöhnlich, und ich meine das als Kompliment. Es hat dafür gesorgt, dass ich Hazel wirklich kenne, ihre Müdigkeit, ihre Stärke, ihren Wunsch nach einem normalen Leben spüre. Sie ist mir als Figur sehr ans Herz gewachsen. Die Atmosphäre ist dicht, dunkel, märchenhaft, genau das Richtige für graue Herbsttage. Gleichzeitig muss ich ehrlich sein: Immer wieder haben mich die vorhersehbaren Wendungen aus der Geschichte gerissen. Gerade in den Momenten, wo ich hätte mitgerissen werden sollen, hatte ich das Gefühl, schon einen Schritt voraus zu sein. Das hat die emotionale Wirkung merklich abgeschwächt.

Als Autorin: Ich bewundere Craigs Entscheidung, einen Lebensroman zu schreiben statt einen Plot-Roman. Das ist schwieriger, weil man ohne die Dynamik eines klassischen Dreiak-ts arbeitet und trotzdem Leserbindung aufrechterhalten muss. An vielen Stellen gelingt ihr das. Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, der Ton stimmig, die Welt organisch aufgebaut ohne zu viel Exposition auf einmal. Was ich mir als Autorin abgucken kann: diese Geduld mit der Figur. Was mich aber beschäftigt hat: Wendungen wollen vorbereitet und verborgen werden gleichzeitig. Das ist die Kunst des Foreshadowings. Hier wirken die Hinweise manchmal zu offensichtlich, zu nah an dem Moment wo sie relevant werden. Als Autorin nehme ich mit: Ablenkung ist genauso wichtig wie Andeutung.

Als Lektorin: Hier werde ich am kritischsten, weil das Handwerk mich am meisten interessiert. Das grundlegende Problem liegt in der Plotstruktur, genauer in der Verteilung von Spannung und Auflösung. Wendungen brauchen zwei Dinge: glaubwürdige Vorbereitung und echte Überraschung. In "Das dreizehnte Kind" ist die Vorbereitung vorhanden, aber die Überraschung bleibt oft aus. Die Foreshadowing-Elemente sind zu exponiert, zu wenig durch echte Ablenkungsmanöver oder parallele Handlungsfäden gebrochen. Dramaturgie lebt von Unsicherheit, und die habe ich hier zu selten gespürt. Die Charaktermotivation von Hazel ist dagegen stark, ihr innerer Konflikt gut ausgearbeitet. Auch das Worldbuilding fügt sich sauber ein, ohne zu überwältigen. Das zeigt: Craig weiß was sie tut, bei der Plotmechanik hätte ich mir als Lektorin aber mehr Mut zur Komplexität gewünscht.

Fazit: "Das dreizehnte Kind" ist ein Buch, das ich mit gemischten Gefühlen zugeklappt habe, aber nicht mit Enttäuschung. Hazel ist eine Figur, die ich nicht so schnell vergessen werde. Und die Zeitstruktur ist eine echte Stärke, die das Buch aus der Fantasy-Masse heraushebt. Aber wer Spannung, echte Überraschungen und dramatische Wendungen sucht, wird sich wahrscheinlich ein wenig unterfordert fühlen. Meine Empfehlung: Lest es, wenn ihr Lust auf eine ruhige, atmosphärisch dichte Geschichte habt, in der die Reise wichtiger ist als der Schock. 3,5 Sterne.

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Drei tote Exes und ein Roman der mich trotzdem nicht ganz erwischt hat

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Gisa Sommer