Drei tote Exes und ein Roman der mich trotzdem nicht ganz erwischt hat

Als jemand die sowohl aus der Leser- als auch aus der Autorin- und Lektorinnenperspektive an Bücher herangeht, ist das Genre für mich immer auch ein Lehrfeld: Was macht Spannung? Wie baut man Bedrohung auf? Wie schreibt man eine Protagonistin, bei der man nie sicher ist, ob man sie mögen darf? The Exes von Leodora Darlington hat mich genau aus diesen Gründen interessiert, und ich muss sagen: Das Versprechen des Buches ist wirklich gut. Die Einlösung ist es leider nicht ganz.

Als Leserin

Die ersten Seiten haben mich tatsächlich neugierig gemacht. Natalie, die nach der großen Liebe sucht und dabei eine Spur von toten Ex-Freunden hinterlässt, ohne dass je wirklich klar ist ob das ihre Schuld ist oder ein grausames Muster des Schicksals: Das ist ein Ausgangspunkt mit echtem Potenzial. Darlington schreibt direkt und ohne große Umschweife, und der Einstieg hat eine Energie die mich direkt mitgenommen hat.

Aber irgendwo zwischen Seite 50 und 150 habe ich die Verbindung zur Geschichte verloren. Das ist das Schlimmste was einem Thriller passieren kann, und gleichzeitig ist es schwer zu benennen wann genau es passiert. Ich habe gemerkt, dass ich las, ohne wirklich mitgefiebert zu haben. Ohne Angst um Natalie zu haben, ohne echte Neugier auf das nächste Kapitel. Das zweite Drittel des Romans holt auf, bringt Twists, erhöht das Tempo. Aber mein emotionales Investment war da schon abgekühlt, und das ließ sich nicht mehr vollständig rückgängig machen.

Als Autorin

Was mich an diesem Buch aus der Autorinnenperspektive beschäftigt, ist die Frage des Pacings. Darlington verwendet in der ersten Hälfte sehr viele Rückblenden und Zeitsprünge, um Natalies Vergangenheit schrittweise zu enthüllen. Das ist eine legitime Technik, aber sie hat ihren Preis: Jedes Mal wenn der gegenwärtige Erzählstrang Fahrt aufnimmt, wird er durch einen Rückblick unterbrochen. Der Effekt ist, dass sich Spannung gar nicht erst richtig aufbauen kann. Die Leserin wird ständig herausgeholt, bevor die Szene wirklich zünden konnte.

Ich habe beim Lesen viel darüber nachgedacht, wie ich selbst mit Rückblenden umgehe, und wie entscheidend die Frage ist wann sie kommen. Im richtigen Moment eingesetzt, vertiefen sie eine Figur und erhöhen das Rätsel. Im falschen Moment bremsen sie. Für mich sind die Rückblenden in The Exes leider zu oft das Letztere.

Als Lektorin

Hier werde ich konkreter, weil ich denke, dass dieser Blick dem Buch gegenüber am fairsten ist. Das strukturelle Kernproblem liegt meiner Einschätzung nach darin, dass Natalies emotionale Innenwelt zu lange im Vagen bleibt. Wir wissen früh, dass sie die große Liebe sucht und dass ihre Vergangenheit dunkel ist. Aber was sie wirklich antreibt, was ihr Schmerz ist, was ihre Überzeugungen sind, das bleibt unscharf. Und weil das unscharf bleibt, können wir ihre Handlungen nicht wirklich nachvollziehen, selbst wenn wir sie intellektuell verstehen.

Die Plot Twists im letzten Drittel haben dieses Problem zusätzlich verstärkt, weil einige davon weniger wie logische Konsequenzen wirkten als wie nachträglich eingefügte Überraschungsmomente. Ein gutes Lektorat hätte hier wahrscheinlich zwei Dinge getan: die Rückblenden in der ersten Hälfte deutlich gestrafft, und Natalies psychologisches Profil früher und konkreter verankert. Das hätte die Twists glaubwürdiger gemacht und die erste Hälfte spannender.

Fazit

The Exes ist ein Buch mit einer wirklich guten Idee, das handwerklich nicht ganz das Niveau erreicht, das die Prämisse verspricht. Für Thriller-Fans, die mit einem etwas ungleichmäßigen Pacing leben können und vor allem auf das Ende hin belohnt werden wollen, ist es durchaus lesenswert. Wer psychologische Tiefe und eine emotional greifbare Protagonistin erwartet, könnte sich wie ich am Ende etwas ratlos fühlen über das was das Buch hätte sein können.

3 von 5 Sternen. Und ehrlich gesagt ist das eine Wertung, bei der ich dem Buch mehr gewünscht hätte.

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Ein Buch, das mich als Thriller-Neuling fast um den Schlaf gebracht hat.

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