Als Lektüre für entspannte Abende mit einem klassisch aufgebauten Romantasy
Manchmal greife ich zu einem Buch ohne große Vorerwartungen und bin danach froh, dass ich nicht zu kritisch ranging. Rabenfeuer. Die Flammen der Göttin von Dana Graham hat mich in genau dieser Haltung erwischt, und ich glaube, das hat dem Lesevergnügen gut getan. Der Roman erschien ursprünglich 2013 und ist nun neu aufgelegt worden, was mich schon neugierig gemacht hat: Was bedeutet es, ein Romantasy-Buch aus dieser Zeit heute zu lesen?
Als Leserin war mein erster Eindruck: Das hier lässt sich gut lesen. Die Geschichte startet gemächlich, gewinnt aber bald an Tempo. Raven, der nicht weiß, wer er wirklich ist, und Kara, die sich dem Tempel verschrieben hat, entwickeln eine Verbindung, die am Anfang zart und überzeugend aufgebaut ist. Der Schreibstil ist angenehm direkt, nie überladen, und trägt einen durch die Seiten, ohne dass man sich durch komplizierte Satzgebilde kämpfen muss. Was mir persönlich gut getan hat: Das Buch hatte keine Ambitionen, literarisch zu schockieren. Es wollte unterhalten. Und das hat es.
Als Autorin hat mich vor allem eine Entscheidung fasziniert, die Dana Graham getroffen hat: Sie erzählt aus Ravens Perspektive in der dritten Person. Das klingt nach einer kleinen Formalie, ist es aber nicht. Im Romantasy-Genre dominieren weibliche Ich-Erzählerinnen so stark, dass eine männliche Perspektive in der dritten Person schon alleine durch ihre Seltenheit auffällt. Graham nutzt das, um eine andere emotionale Qualität zu erzählen, etwas Ruhigeres, Abwartenderes, und das hat mir als Autorin wirklich Freude gemacht. Weniger überzeugend fand ich den Umgang mit Prophezeiungen als Erzählinstrument. Sie werden eingesetzt, um Spannung zu erzeugen, entfalten diese Wirkung aber selten wirklich, weil man als Leserin die Wendungen oft schon von weitem sieht.
Als Lektorin war ich zwiegespalten. Das Thema körperliche Behinderung ist ein mutiges erzählerisches Element und anfangs sehr gelungen integriert. Raven trägt seine Einschränkung als Teil seiner Identität, nicht als dramatisches Handicap für Mitleidspunkte. Das ist ein handwerklich solider Ansatz. Allerdings driftet der Roman an einigen Stellen in Klischees ab, und genau das schwächt diesen Erzählstrang. Was an einer Stelle Tiefe hatte, verliert an einer anderen an Bedeutung, weil das Buch sich nicht ganz traut, konsequent zu sein. Ähnliches gilt für die Liebesgeschichte. Der Slow-Burn-Aufbau ist grundsätzlich da, aber die Charaktermotivation ist zu dünn an den Momenten, wo es emotional wirklich zünden sollte. Die Wendungen kommen im Schnelltakt, überraschen aber fast nie. Das ist dramaturgisch ein Problem, weil Spannung vom Unerwarteten lebt.
Mein Fazit: Rabenfeuer ist ein solides, gut lesbares Romantasy-Buch, das mehr Mut in der Ausführung verdient hätte, als es sich erlaubt hat. Es gibt echte Stärken: die Perspektivwahl, die Grundidee, der flüssige Stil. Und es gibt Schwächen, die vor allem dann schmerzen, wenn man sieht, wie nah das Buch an etwas Besonderem dran war. 3,5 von 5 Sternen. Empfehlenswert für alle, die entspannte Fantasy suchen und gerne mal eine andere Erzählperspektive erleben möchten.