Dance of Thieves von Mary E. Pearson: Wenn Charaktertiefe auf Pacing-Probleme trifft

Ich hatte hohe Erwartungen, als ich "Dance of Thieves" aufgeschlagen habe. Mary E. Pearson hat mit den "Remnant Chronicles" bewiesen, dass sie komplexe Fantasy-Welten mit starken Protagonistinnen erschaffen kann. Und während dieses Buch definitiv Stärken hat, zeigt es auch, dass selbst erfahrene Autorinnen nicht vor strukturellen Schwächen gefeit sind.

Kazi und Jase: Charaktere, die unter die Haut gehen

Fangen wir mit dem an, was funktioniert – und zwar richtig gut: die Charaktere. Kazi ist keine dieser austauschbaren Fantasy-Heldinnen, die wir mittlerweile in Serie produziert bekommen. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, geprägt von ihrer Zeit auf den Straßen, misstrauisch und hart. Aber Pearson zeigt uns auch ihre Verletzlichkeit, ihre Zweifel, ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit.

Die Transformation von der Diebin zur Rahtan in der Leibgarde der Königin hätte leicht unglaubwürdig wirken können. Tut sie aber nicht, weil Pearson sich Zeit nimmt, Kazis innere Konflikte zu zeigen. Sie trägt ihre Vergangenheit mit sich, kämpft mit Loyalität und Identität. Das ist Charakterarbeit, die ich respektiere.

Jase steht ihr in nichts nach. Der Anführer der Ballenger-Familie könnte ein Klischee sein – der charismatische Bad Boy mit dunkler Vergangenheit. Ist er aber nicht. Pearson gibt ihm Tiefe, eigene Ziele, echte Konflikte. Die Chemie zwischen Kazi und Jase funktioniert gerade deshalb, weil beide vollständig entwickelte Charaktere sind, keine romantischen Platzhalter.

Worldbuilding, das überzeugt

Die Welt von Venda und die Grenzregion mit den Ballengers ist durchdacht konstruiert. Pearson erschafft eine Gesellschaft mit eigenen Regeln, Traditionen und politischen Verstrickungen. Die Ballenger-Familie mit ihrer komplexen Hierarchie, den ungeschriebenen Gesetzen und der Patria-Struktur fühlt sich authentisch an.

Was mir als Lektorin besonders gefällt: Das Worldbuilding wird organisch in die Handlung eingewoben. Keine Info-Dumps, keine langen Erklärpassagen, die den Lesefluss unterbrechen. Wir lernen diese Welt kennen, während Kazi sie erkundet. Das ist solides Handwerk.

Das Pacing-Problem

Und hier kommen wir zum Knackpunkt. "Dance of Thieves" leidet unter einem strukturellen Problem, das ich in vielen Fantasy-Romances sehe: Die erste Hälfte nimmt sich zu viel Zeit für das Setup. Zu viel Zeit.

Ich verstehe den Ansatz. Pearson will uns in diese Welt eintauchen lassen, will die Beziehung zwischen Kazi und Jase organisch entwickeln. Aber es gibt Passagen, in denen die Handlung fast stillsteht. Wir bekommen seitenweise innere Monologe, Beschreibungen, Alltagsszenen. Das Problem: Für einen Fantasy-Thriller, der mit Spannung, Verrat und politischen Intrigen wirbt, fehlt die Dringlichkeit.

Die eigentliche Mission – die Verräter zu finden, die für den Großen Krieg verantwortlich sind – gerät zu oft in den Hintergrund. Die Romanze zwischen Kazi und Jase nimmt so viel Raum ein, dass die politische Handlung zur Nebensache wird. Das ist schade, weil gerade dieser Konflikt zwischen persönlichen Gefühlen und Loyalität zur Krone das Potential für echte Spannung hätte.

Die Romanze: Slow Burn mit Licht und Schatten

Die Entwicklung der Beziehung zwischen Kazi und Jase ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits schätze ich die langsame Entwicklung. Das Misstrauen, die gegenseitige Beobachtung, die kleinen Momente, in denen Risse in der feindlichen Fassade entstehen – das ist schön geschrieben.

Andererseits: Slow Burn darf nicht zum Stillstand werden. Es gibt Szenen, in denen ich mir gedacht habe: Okay, ich habe verstanden, dass ihr euch anzieht, aber könnten wir jetzt bitte zur Handlung zurückkehren?

Als Autorin verstehe ich die Herausforderung. Die Balance zwischen Charakterentwicklung, Romanze und Plot zu finden, ist verdammt schwer. Aber hier hätte ein strafferes Lektorat geholfen. Einige Szenen hätten gekürzt oder gestrichen werden können, ohne dass die emotionale Entwicklung darunter gelitten hätte.

Perspektivwechsel als Stärke

Was mich beeindruckt: Pearson schreibt beide Perspektiven – Kazi und Jase – so, dass sie sich tatsächlich unterscheiden. Die Stimmen verwischen nicht. Kazis Kapitel haben einen anderen Rhythmus, eine andere Färbung als Jases. Das ist schwieriger, als es klingt, und zeigt echtes Handwerk.

Zu oft lese ich Fantasy mit mehreren Perspektiven, in denen alle Charaktere gleich klingen. Hier nicht. Ich konnte jederzeit identifizieren, in wessen Kopf ich gerade bin, ohne auf die Kapitelüberschrift zu schauen.

Der Cliffhanger: Versprechen für Band zwei

Das Ende setzt einen geschickten Spannungsbogen für den zweiten Band. Pearson weiß, wie man einen Cliffhanger setzt, der neugierig macht, ohne frustrierend zu wirken. Die Handlungsstränge werden nicht alle aufgelöst, aber das Buch hat trotzdem einen gewissen Abschluss.

Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass die Haupthandlung in Band eins selbst zielgerichteter verläuft. Der Cliffhanger ist gut, aber er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass über weite Strecken zu wenig passiert.

Fazit: Solide Fantasy mit Luft nach oben

"Dance of Thieves" ist ein Buch mit starken Charakteren und überzeugendem Worldbuilding, das unter Pacing-Problemen leidet. Wenn ihr Geduld für langsameren Aufbau mitbringt und Charakterentwicklung über Action stellt, werdet ihr dieses Buch lieben. Die Romanze ist schön entwickelt, die Protagonisten vielschichtig, die Welt authentisch.

Aber wenn ihr wie ich ungeduldig werdet, wenn die Handlung zu lange auf der Stelle tritt, werdet ihr euch an einigen Stellen durch das Buch kämpfen müssen. Das ist schade, denn das Potential für eine packende Geschichte ist definitiv da.

Am Ende sind es für mich 4 von 5 Sternen. Solide Fantasy-Romance mit deutlichem Optimierungspotential beim Pacing. Ich werde den zweiten Band lesen – in der Hoffnung, dass Pearson dort das Tempo anzieht und die politische Intrige mehr Raum bekommt.

Für Fans von: Enemies-to-Lovers, Slow Burn Romance, komplexe Charaktere, durchdachtes Worldbuilding Nicht geeignet für: Ungeduldige Leser, Action-Fans, alle, die straffe Plots erwarten

Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen

Habt ihr "Dance of Thieves" gelesen? Wie steht ihr zu langsamerem Pacing in Fantasy-Romances? Und seid ihr Team Slow Burn oder lieber schnellere Entwicklung? Schreibt es mir in die Kommentare!

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