Das Lachen der Pinguine – Caroline Mikkelsen und die Geschichten, die wir vergessen

Manchmal stolpert man über Bücher, die eine einfache, aber unbequeme Frage stellen: Welche Geschichten erzählen wir eigentlich? Und wichtiger noch: Welche lassen wir verschwinden?

„Das Lachen der Pinguine" von Arabella Meran ist so ein Buch. Es erzählt von Caroline Mikkelsen, die 1935 als erste Frau die Antarktis betrat – ein historischer Meilenstein, der damals kaum Aufsehen erregte und später komplett in Vergessenheit geriet. Bis eine Journalistin 60 Jahre später auf die Suche geht und diese vergessene Pionierin wiederentdeckt.

Ich bin mit gemischten Erwartungen an diesen Roman herangegangen. Historische Frauenfiguren in der Literatur sind ein zweischneidiges Schwert. Entweder sie werden zu perfekten, anachronistischen Feministinnen stilisiert, die in ihrer Zeit nie existiert hätten. Oder sie werden so sehr in die Opferrolle gedrängt, dass von ihrer tatsächlichen Leistung nichts übrig bleibt. Meran navigiert diesen schmalen Grat erstaunlich geschickt.

Caroline – Eine Frau ihrer Zeit, aber nicht nur

Was mich von Anfang an überzeugt hat: Caroline Mikkelsen wird nicht zur modernen Heldin im historischen Kostüm umgeschrieben. Sie ist eine Frau des frühen 20. Jahrhunderts – mit allen Widersprüchen, Grenzen und Möglichkeiten, die diese Zeit bot. Die Liebesgeschichte mit Kapitän Klarius Mikkelsen ist keine perfekte Romanze, sondern eine realistische Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich anziehen, aber auch aneinander reiben.

Caroline ist neugierig, lebenslustiger als es ihrer Position eigentlich erlaubt wäre, eigensinnig. Sie folgt Klarius nicht blind in den norwegischen Walfanghafen Sandefjord – sie trifft eine bewusste Entscheidung, für die sie Konsequenzen in Kauf nimmt. Und als sie durchsetzt, ihn auf die Antarktis-Expedition zu begleiten, ist das kein feministischer Kampfakt im modernen Sinn. Es ist Neugier. Es ist Sehnsucht nach mehr als dem Leben, das ihr zugedacht war. Es ist zutiefst menschlich.

Genau das macht sie glaubwürdig. Meran verfällt nicht in den Fehler, Caroline rückwirkend zu einer Symbolfigur umzubauen. Sie bleibt eine Frau mit Ecken und Kanten, mit Träumen und Kompromissen.

Die Antarktis – Mehr als Kulisse

Eines der Dinge, die ich an diesem Roman wirklich schätze: Die Antarktis ist keine bloße exotische Kulisse. Sie ist Sehnsuchtsort und Prüfstein zugleich. Meran beschreibt das ewige Eis nicht mit kitschiger Ehrfurcht, sondern mit einer Präzision, die zeigt, dass hier recherchiert wurde. Die Kälte, die Weite, die Pinguine – ja, die gibt es – aber vor allem die emotionale Bedeutung dieses Moments für Caroline.

1935 betritt sie als erste Frau die Antarktis. Und die Welt? Zuckt mit den Schultern. Dieser historische Fakt ist bitter und sagt mehr über die damalige Zeit aus als jede ausführliche Geschichtsstunde es könnte. Caroline wird nicht gefeiert, nicht gewürdigt. Ihr Name verschwindet in den Archiven, während männliche Polarforscher Denkmäler bekommen.

Aber Meran zeigt auch: Carolines Leben ist mehr als dieser eine spektakuläre Moment. Zurück in Sandefjord gründet sie eine Nähschule, baut sich etwas Eigenes auf, wartet nicht einfach zu Hause auf ihren Mann. Das ist vielleicht die still-radikalere Geschichte – nicht die dramatische Expedition, sondern der Alltag einer Frau, die sich nicht mit der ihr zugewiesenen Rolle zufriedengibt.

Die narrative Struktur – Wechsel, die funktionieren

Als Lektorin habe ich ein besonderes Augenmerk auf die Erzählstruktur gelegt. Meran arbeitet mit unterschiedlichen Ebenen: direkte Erzählung, Briefe, fragmentarische Einblicke. Das klingt nach einem riskanten Ansatz, funktioniert hier aber erstaunlich gut. Die verschiedenen Perspektiven schaffen Dynamik, ohne verwirrend zu werden. Die Informationsvergabe ist geschickt dosiert – keine seitenlangen historischen Exkurse, sondern Details, die sich organisch in die Handlung einfügen.

Die Briefe geben intime Einblicke in Carolines Gedankenwelt, ohne dass Meran ins Tagebuch-Kitschige abrutscht. Die fragmentarischen Momente schaffen Atmosphäre, lassen Raum für eigene Interpretation. Das Tempo stimmt, die Balance zwischen Charakterentwicklung und Handlung funktioniert. Meran versteht ihr Handwerk.

Aber: Die Jesse-Geschichte hätte es nicht gebraucht

Und jetzt kommt mein größter Kritikpunkt, und der ist nicht unerheblich: Die moderne Rahmenhandlung um die Journalistin Jesse Brubaker schwächt die emotionale Wucht von Carolines Geschichte.

Ich verstehe die dramaturgische Überlegung dahinter. Jesse, erfolgreich aber unglücklich, sucht nach Caroline, findet sie, und die Begegnung verändert Jesses eigenes Leben. Es soll eine Brücke schlagen zwischen 1935 und 1995, zwischen historischer Pionierin und moderner Suchender. Aber ehrlich gesagt: Es fühlt sich an wie eine Sicherheitsmaßnahme.

Als hätte man befürchtet, eine reine historische Biografie könne nicht genug tragen. Als bräuchte Carolines außergewöhnliches Leben eine zeitgenössische Projektionsfläche, damit moderne Leserinnen sich darin wiederfinden. Das ist unnötig und unterschätzt die Kraft der Hauptgeschichte.

Jesses Sinnkrise ist valide – eine erfolgreiche Frau, die sich fragt, ob das alles war, ist ein wichtiges Thema. Aber neben Carolines Geschichte wirkt sie blass. Jesses Probleme sind konventionell, ihr Leben vorhersehbar. Die emotionale Intensität, die in Carolines Erzählung steckt, wird immer wieder unterbrochen von Jesses deutlich weniger packender Selbstfindung.

Als Autorin würde ich die Frage stellen: Warum dieser Kompromiss? Carolines Leben hätte problemlos allein getragen. Ihre Geschichte ist stark genug, dramatisch genug, emotional reichhaltig genug. Die zweite Erzählebene nimmt ihr den Raum, den sie verdient hätte – und das ist schade, weil genau das der Kern des Problems ist, um das es in diesem Buch geht: dass Carolines Geschichte damals nicht den Raum bekam, den sie verdient hätte.

Was von uns bleibt

Trotz meiner Kritik an der Doppelstruktur ist „Das Lachen der Pinguine" ein lesenswertes Buch. Es stellt wichtige Fragen: Welche Geschichten halten wir für erzählenswert? Wer entscheidet, was in den Geschichtsbüchern steht? Und was bedeutet es, 60 Jahre später wiederentdeckt zu werden?

Caroline Mikkelsen war die erste Frau in der Antarktis. Das sollte gefeiert worden sein. Wurde es nicht. Arabella Meran holt diese vergessene Pionierin zurück ins Licht – mit einem Roman, der handwerklich solide ist, atmosphärisch dicht, und der zeigt, dass historische Frauenfiguren keine Heldinnenverehrung brauchen. Nur Raum. Nur die Chance, gesehen zu werden.

Vier von fünf Sternen – mit dem Wunsch, Caroline hätte die Bühne allein bekommen.

Fazit: Ein biografischer Roman über Caroline Mikkelsen, der mehr ist als eine Nacherzählung historischer Fakten. Meran schafft eine lebendige, widersprüchliche Protagonistin und stellt unbequeme Fragen darüber, welche Geschichten wir erinnern und welche wir vergessen. Die narrative Struktur funktioniert, die Recherche ist spürbar, das Worldbuilding atmosphärisch. Einziger Schwachpunkt: Die moderne Rahmenhandlung schwächt die Hauptgeschichte, statt sie zu stärken. Trotzdem ein lesenswerter Roman über eine Frau, die mehr Anerkennung verdient hätte – damals wie heute.

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