Wenn Pixel auf Herzschmerz treffen: Warum Gaming-Romance mehr verdient hat als Klischees
Oder: Was Anabelle Stehls "Zwei Konkurrenten. Eine Chance." über Kreativität, Konkurrenz und das Scheitern erzählt
Ich muss gestehen: Als ich "Zwei Konkurrenten. Eine Chance." auf meinem Nachttisch landen sah, war meine erste Reaktion eher… skeptisch. Gaming-Romance. Zwei Indie-Developer, die sich bei einer Convention ineinander verlieben. Klang nach einem Setup, das entweder brillant oder peinlich werden würde. Spoiler: Es wurde weder noch. Es wurde interessant.
Gaming ist kein Gimmick
Lasst uns über das Offensichtliche reden: Viele Bücher nutzen Gaming als ästhetisches Add-on. Protagonisten "spielen gerne", aber die Details bleiben schwammig. Hier nicht. Anabelle Stehl hat ihre Hausaufgaben gemacht, und das merkt man jeder Seite an.
Lara entwickelt Cozy Games – diese kleinen, entspannenden Welten, in denen man Gärten anlegt, Freundschaften pflegt, einfach sein darf. Luca macht Horror Games, düster und intensiv. Der Kontrast funktioniert nicht nur als romantische Gegensätzlichkeit, sondern sagt etwas über die beiden aus. Lara baut sich Safe Spaces, weil sie Kontrolle braucht. Luca konfrontiert seine Dämonen, indem er sie zu Monstern macht.
Die Schmuckelemente in den Cozy Games, die Pixelkunst-Beschreibungen, die Referenzen zu echten Indie-Titeln – das zeigt Respekt vor der Kultur. Als jemand, der selbst Zeit in diesen Welten verbringt (ja, ich habe Stardew Valley durchgespielt, mehrfach, don't judge), hat mich das gefreut. Gaming wird hier nicht als nerdy Nische behandelt, sondern als Kunstform und Ausdrucksweise.
Das Problem mit der Geschwindigkeit
Aber jetzt wird's kritisch. Die Romance läuft auf Turbo. Lara und Luca treffen sich, es knistert, es eskaliert – und das alles passiert so schnell, dass ich mich mehrmals gefragt habe: Moment, kennt ihr euch nicht erst seit drei Kapiteln?
Das ist schade, weil beide Charaktere so viel Potenzial haben. Ihre Dynamik ist stark: die Unsichere gegen den Selbstsicheren, beide mit ihren eigenen Wunden. Aber echte Chemie braucht Zeit. Sie braucht Momente des Zögerns, des Zweifelns, des langsamen Verstehens. Hier fühlt es sich manchmal an, als würde man ein Level überspringen – technisch kommst du voran, aber du verpasst die Details, die das Ganze reich machen.
Mental Health als Dekoration?
Was mich wirklich gestört hat – und hier werde ich konkret, weil es wichtig ist – sind die Mental-Health-Themen. Sie sind da: Ängste, Selbstzweifel, der Druck, als Kreative existieren zu müssen. Aber sie bekommen nicht den Raum, den sie brauchen.
Das ist kein kleines Problem. Wenn du eine Geschichte über Indie-Developer schreibst, die um Anerkennung und Preisgeld kämpfen, dann erzählst du auch über Prekarität. Über die Angst zu scheitern. Über das Gefühl, dass deine Kreativität nur dann wertvoll ist, wenn sie monetarisierbar ist. Diese Themen sind real und brutal, und sie verdienen mehr als Erwähnungen zwischen den romantischen Momenten.
Ich hätte mir gewünscht, dass Stehl hier mutiger ist. Dass sie zeigt, wie der Wettbewerb nicht nur Spannung, sondern echte Existenzangst erzeugt. Dass sie die toxischen Seiten der Gaming-Industrie beleuchtet – den Crunch, die Unsicherheit, das ständige Vergleichen. Sie deutet es an, aber sie geht nicht tief genug.
Was trotzdem funktioniert
London als Setting ist perfekt gewählt. Die Stadt wird nicht zur Kulisse degradiert, sondern ist Teil der Story. Die grauen Straßen, die kleinen Studios in Hackney, die Pub-Szenen – das fühlt sich authentisch an.
Und Stehls Schreibstil? Der trägt das Buch. Sie schreibt flüssig, ohne unnötigen Ballast, mit einem Gespür für Atmosphäre. Man merkt: Sie weiß, wie man erzählt. Die Dialoge sind scharf, die Beschreibungen präzise. Das ist handwerklich stark.
Die Charakterdynamiken sind ebenfalls ein Highlight. Nicht nur zwischen Lara und Luca, sondern auch drumherum. Die Nebencharaktere fühlen sich wie echte Menschen an, nicht wie Statisten. Das ist bei Romance oft ein Problem, hier nicht.
Was bleibt
"Zwei Konkurrenten. Eine Chance." ist ein Buch mit klaren Stärken und frustrierenden Schwächen. Es zeigt, dass Gaming-Romance funktionieren kann, wenn man die Kultur ernst nimmt. Es beweist, dass Anabelle Stehl schreiben kann. Aber es ist auch ein Beispiel dafür, wie verpasstes Potenzial schmerzt.
Die Geschichte hätte größer sein können. Komplexer. Wenn die Romance langsamer gebrannt, wenn die Mental-Health-Themen mehr Raum bekommen hätten, wenn Stehl den Mut gehabt hätte, wirklich tief zu gehen – dann hätten wir hier ein Buch gehabt, das nicht nur unterhält, sondern nachhallte.
So bleibt es bei 4 von 5 Sternen und dem Gefühl: Das war gut, aber es hätte großartig sein können.
Und jetzt ihr: Habt ihr das Buch gelesen? Wie steht ihr zu Gaming als Setting in Romance? Und vor allem: Welche Indie-Games würdet ihr gerne mal in einem Buch sehen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen.
P.S.: Falls jemand von euch ein Cozy Game mit Lektorats-Gameplay entwickelt – ich bin dabei. Deadline-Management als Minigame? Sign me up.