Zwischen Sommer und Frühling
von Gisa Sommer
Die Sonne des Sonnenhofs brannte auf Helianthes Schultern, als sie ein letztes Mal durch die Gärten ihrer Kindheit ging. Goldenes Licht floss durch ihre Adern wie Honig, süß und schwer, nährte jede Faser ihres Körpers. Sie blieb stehen. Schloss die Augen und ließ die Wärme tiefer sinken, als wollte sie jeden Strahl in ihren Knochen speichern. Noch ein bisschen mehr. Noch einen Moment länger.
„Du wirst dich von ihr verabschieden müssen.“ Ihre Mentorin Elara stand im Schatten der Weinranken, das weiße Gewand leuchtete im Kontrast zum dunklen Grün.
„Von Wem?“ Helianthe öffnete die Augen, ließ ihre Hand durch einen Sonnenstrahl gleiten. Licht sammelte sich in ihrer Handfläche, formte sich zu einem kleinen, perfekten Kreis. Warm. Lebendig. Ihre Magie sang.
„Von dieser Sonne.“
Helianthe ließ das Licht verlöschen. „Es gibt Sonne im Frühling.“
Ihre Mentorin schwieg. Etwas in ihrem Schweigen fühlte sich schwer an.
„Oder nicht?“ Helianthe drehte sich um.
„Natürlich gibt es Sonne.“ Elaras Stimme klang seltsam wehmütig. „Der Frühling ist eine schöne Jahreszeit.“ Helianthe kannte ihre Mentorin lange genug, um zu wissen, wann sie auswich.
„Ist es so anders am Frühlingshof?“
„Alles ist anders.“ Ihre Mentorin trat aus dem Schatten, ließ ihren Blick über die terrassierten Gärten schweifen. Hier war alles Fülle. Reife Früchte hingen an schweren Zweigen. Blüten in satten Farben, die niemals welkten. Bienen summten träge zwischen ihren Kelchen. Die Luft vibrierte vor Hitze und Leben. „Der Frühling ist… sanfter.“
„Sanfter klingt schön.“ Helianthe wartete auf mehr. Es kam jedoch nichts. Ihre Mentorin blickte zum Horizont, wo die Sonne tief und golden über den Feldern stand. Ihr Gesicht war undurchdringlich.
„Die Verlobung ist in drei Tagen“, sagte Helianthe schließlich. „Der Prinz erwartetet -“
„Ich weiß was er erwartet.“ Elara wandte sich zu ihr. „Du wirst ihm eine gute Gemahlin sein.“
„Meine Magie -“
„Ist wundervoll.“ Die Worte kamen zu schnell und zu fest. „Du bist eine Tochter des Sommerhofes. Das wirst du immer sein.“
Helianthe rief das Licht wieder zu sich. So wie sie es Monate lang geübt hatten. Es kam sofort, strömte durch sie hindurch - fühlte sich an wie Atmen. Leicht und so natürlich. Sie formte es zu einer Kugel, ließ sie wachsen, bis es zwischen ihren Handflächen pulsierte. Macht. Wärme. Leben.
„Siehst du Elara?“ Helianthe lächelte. „Ich bin bereit.“
Aber Elara erwiderte das Lächeln nicht. Sie hatte sich bereits abgewandt, verschwand zwischen den Weinranken, ließ nur die rätselhaften Worte zurück.
Helianthe blieb noch einen Moment länger stehen. Schloss die Augen und atmete tief ein. Sie ließ die letzte Wärmer der untergehenden Sonne in jeden Winkel ihres Körpers fließen.
Der Frühlingspalast roch nach feuchter Erde und jungem Grün. Helianthe stand in den Gärten und versuchte nicht zu zittern. Drei Tage waren vergangen seit ihrem Abschied. Drei Tage, in denen etwas in ihr… nachgelassen hatte. Sie konnte es nicht benennen. Nicht greifen. Es fühlte sich an, als ob jemand eine Tür geschlossen hatte, durch die früher ständig Licht geströmt war. Die Sonne über dem Frühlingshof war hell und Freundlich. Sie berührte Helianthes Haut – fühlte sich jedoch dünn und zaghaft an. Helianthe schüttelte den Kopf. Die lange Reise musste ihr zu schaffen machen. Es ist bestimmt nur die Erschöpfung. Sie brauchte nur etwas Ruhe. Dann würde alles wieder normal sein.
Die Gäste versammelten sich im inneren Hof. Götter und Nymphen aus allen bier Jahreszeiten waren gekommen, um die Verlobung zu bezeugen. Sie trugen Gewänder in Frühlingsfarben – zartes Rosa, helles Grün, Pastellgelb, Alles weich und sanft. Helianthe trug Gold.
„Sie ist wunderschön.“ Die Stimme kam von links. Eine Frühlingsnymphe in einem Kleid aus Kirschblüten lächelte ihr zu als sich ihre Blicke trafen. „Eure Magie muss überwältigend sein. Ich habe gehört, im Sommerhof könnt ihr ganze Felder zum Blühen bringen.“ Das Lächeln der Nymphe war unschuldig. Neugierig. Ohne Bosheit.
„Zeigt Ihr es uns bei der Zeremonie?“
„Natürlich“, sagte Helianthe und richtete ihren Blick fest nach vorne.
Im Zentrum des Gartens erblickte sie ihn. Er war schön auf die Art, wie der Frühling schön war – zart, hoffnungsvoll, noch unberührt von der Härte des Sommers. Sein Haar hatte die Farbe junger Weinblätter. Seine Augen das helle Blau eines Morgenhimmels. Er lächelte, als sie näher trat.
„Helianthe.“ Ihr Name glitt ihm über die vollen Lippen.
Sie neigte den Kopf. „Mein Prinz.“
Um sie herum versammelte sich die Menge. Das Rascheln von Seide und Blütenblättern – gepaart mit dem aufgeregten Geflüster der Gäste umhüllte sie bevor die Zeremonie begann.
Der Hohepriester trat vor. „Die Verlobung zwischen Sommer und Frühling ist ein Bund der Gegensätze. Feuer und Wachstum. Kraft und Zartheit. Der erste sein Hunderten von Jahren. Lasst uns Bezeugen, was jeder Teil in diese Verbindung bringt.“
Er wandte sich zu Helianthe. „Zeig uns deine Gabe, Tochter des Sommers.“
Die Stille die folgte, war absolut. Helianthe hob ihre Hand und rief nach der ihr so vertrauten Magie, wie sie es tausende Male zuvor getan hatte. Doch nichts passierte.
Einen Herzschlag lang dachte sie, sie hätte etwas falsch gemacht. Sie versuchte es erneut. Steckte alle Konzentration hinein und rief tiefer. Die Magie war da – sie spürte sie. Weit entfernt, als läge sie hinter einem Schleier. Sie griff danach. Die Magie reagierte. Aber nur langsam, zögernd, als müsste sie durch dicken Nebel waten, um das Licht zu erreichen. Irgendwas stimmte nicht. Die Frühlingssonne stand hoch am Himmel – strahlte hell und freundlich auf sie hinab. Helianthe zog kräftiger an ihrer Magie. Und da spürte sie es, einen Funken. Das warme Licht sammelte sich in ihrer Handfläche. Erst schwach und zaghaft. Wuchs dann jedoch zu einem großen strahlenden Ball – eine lodernde Flamme, die ganze Gärten zum Leben erwecken konnte. Doch die Flamme war nicht der mühelos geformte, strahlende Kreis, den sie im Sommerhof heraufbeschworen hatte. Die Flamme flackerte unstet. Panik stieg in ihr auf. Sie presste die Zähne aufeinander. Ihr Körper begann zu zittern.
Nimm so viel mit, wie du kannst.
Die Worte ihrer Mentorin hallten durch ihren Kopf. Sie verstand. Die Sommersonne. Die Quelle ihrer Kraft. Sie war nicht mehr da. Und diese Sonne hier – diese sanfte, freundliche Frühjahrssonne – sie gab nicht genug.Der Funke flackerte. Und erlosch. Die Stille danach war ohrenbetäubend. Helianthe starrte auf ihre leere Hand. Ihre Finger zitterten. Der Hohepriester räusperte sich unbeholfen. Irgendwo in der Menge kicherte jemand – ein helles, nervöses Geräusch, das sofort verstummte.
Der Prinz trat näher. »Helianthe?«
Sie konnte ihn nicht ansehen. Ihre Magie hatte sie noch nie im Stich gelassen. Niemals. Im Sommerhof hatte sie Licht gewebt wie andere Nymphen Blumen flochten. Mühelos. Natürlich. Hier war sie nichts.
»Die Reise war lang«, sagte der Prinz leise. Zu den Gästen gewandt fügte er hinzu: »Meine Verlobte braucht Ruhe. Wir werden die Zeremonie morgen fortsetzen.«
Murmeln erhob sich. Höflich. Verständnisvoll. Beschämend. Helianthe neigte den Kopf, drehte sich um und ging. Ihre Beine trugen sie automatisch aus dem Garten, fort von den Blicken, fort von dem mitleidigen Lächeln des Prinzen. Sie fand sich an einem kleinen Teich wieder, versteckt hinter blühenden Hecken. Hier war sie allein. Die Frühjahrssonne glitzerte auf dem Wasser, sanft und schön. Nutzlos. Helianthe sank auf die Knie. Sie streckte beide Hände zur Sonne aus, versuchte noch einmal, ihre Magie zu rufen. Licht flackerte schwach in ihren Handflächen, kaum mehr als ein Glimmen. Es schmerzte. Als würde sie versuchen, Wasser aus einem trockenen Brunnen zu schöpfen. Sie verstand jetzt, was ihre Mentorin nicht gesagt hatte. Ihre Magie war an die Sommersonne gebunden. An ihre Kraft. Ihre Hitze. Ihre unbarmherzige Intensität. Die Frühjahrssonne war zu sanft. Zu jung. Zu schwach. Helianthe ließ die Hände sinken. Das schwache Licht erlosch. Um sie herum erwachte der Frühling – Knospen öffneten sich, Vögel sangen, die Luft roch nach Neubeginn. Aber in ihr wurde alles kalt. Die Frühjahrssonne schien auf ihre Schultern, warm und freundlich.
Und ließ sie verhungern.