Wenn Trauerreden gefährlich werden: Warum "Was kommt in Glücksburg an der Ostsee nach dem Tod?" ein frustrierender Start hat – und trotzdem funktioniert
4 von 5 Sternen
Ich hätte dieses Hörbuch fast abgebrochen. Nicht, weil es schlecht ist. Sondern weil es mir nicht vertraut hat.
Stellt euch vor: Ein Trauerredner bekommt eine mysteriöse Nachricht aus dem Jenseits. Sein alter Freund Patrick ist tot, und sein letzter Wunsch ist eine Rede von Mads. Klingt nach einer absolut genialen Prämisse, oder? Ein Mann, der beruflich zwischen Wahrheit und Lüge navigiert, zwischen dem, was die Hinterbliebenen hören wollen und dem, was wirklich war. Der perfekte Amateur-Detektiv.
Und dann braucht die Geschichte gefühlte Ewigkeiten, um in die Gänge zu kommen.
Der zähe Start – ein Lektorenproblem
Die ersten 40 Minuten sind eine Geduldsprobe. Ich sage das nicht gerne, weil ich grundsätzlich dafür bin, Geschichten ihren Raum zu geben. Aber hier werden einfach zu viele Figuren auf einmal eingeführt, zu viel erklärt, zu wenig gezeigt.
Da ist der verschrobene Vater Fridtjof. Der frisch verliebte Bestatter-Freund Fiete. Die mürrische Hauptkommissarin Luisa Mills. Die treue Malteserhündin Bobby. Alle bekommen ihre Bühne, alle werden sorgfältig vorgestellt. Und ja, ich verstehe den Impuls: Der Autor will, dass wir diese Menschen kennen, bevor sie in Gefahr geraten.
Aber aus Lektoren-Sicht ist das ein klassischer Fall von: zu viel Misstrauen in die eigene Geschichte.
Gute Figuren entstehen durch Handlung, nicht durch Exposition. Ich muss Fridtjof nicht in drei Szenen als "verschroben" etablieren – zeig mir eine Szene, in der er etwas Verschrobenes tut, das für die Handlung relevant ist. Fertig.
Das Problem: Dieser vorsichtige, fast ängstliche Start raubt der Geschichte ihren Sog. Dabei ist die Grundidee so stark, dass sie sich selbst tragen würde.
Warum die Prämisse brillant ist
Trauerredner sind professionelle Lügner. Klingt hart, aber ist es nicht genau das? Sie nehmen das Leben eines Menschen, extrahieren die positiven Momente, glätten die Kanten, erschaffen eine Version, die die Hinterbliebenen trösten soll. "Über die Toten nur Gutes" – dieses Prinzip ist ihr Handwerk.
Mads kennt also beide Seiten: die offizielle Version und die inoffizielle Wahrheit. Er weiß, wo Menschen lügen, weil er beruflich genau das tut. Und genau diese Fähigkeit macht ihn zum perfekten Detektiv für einen Fall, in dem nichts ist, wie es scheint.
Patrick, sein alter Freund, war alles andere als der nette Junge von nebenan. Aber niemand will das zugeben. Die Hinterbliebenen haben ihre Version konstruiert, ihre komfortable Lüge. Und Mads muss diese Fassade einreißen, um herauszufinden, was wirklich passiert ist.
Das ist verdammt clever konstruiert. Die Berufsidentität des Protagonisten ist nicht nur Gimmick, sondern Motor der Geschichte.
Wenn es endlich losgeht
Irgendwo zwischen Minute 40 und 50 passiert etwas. Die Geschichte findet ihren Rhythmus. Die Spannung zieht an. Mads beginnt, im Leben seines toten Freundes zu graben – und merkt, dass er damit ein Wespennest aufsticht.
Plötzlich ist alles da, was vorher fehlte: Tempo, Dringlichkeit, echte Gefahr.
Das Netz aus Geheimnissen spannt sich, und mit jedem neuen Detail wird klarer, dass Patrick in Dinge verwickelt war, die gefährlich sind. Nicht nur für ihn, sondern für alle, die Mads liebt. Die Bedrohung wird konkret. Die Nebenfiguren, die am Anfang so mühsam eingeführt wurden, zahlen sich jetzt aus – weil sie in Gefahr sind.
Und hier zeigt sich die eigentliche Stärke der Geschichte: Die Twists fühlen sich verdient an, nicht konstruiert.
Es gibt keine billigen Schockmomente, keine aus dem Nichts auftauchenden Wendungen. Alles folgt einer inneren Logik, die schlüssig ist. Als Leser merkt man: Hier hat jemand die Fäden sorgfältig gelegt.
Norddeutsche Atmosphäre ohne Klischee
Was das Hörbuch richtig gut macht: die Atmosphäre. Glücksburg an der Ostsee wird lebendig, ohne in touristische Klischees abzurutschen. Es gibt keine romantisierte Küstenidylle, sondern eine Stadt mit Ecken und Kanten, mit Menschen, die hier leben und arbeiten.
Die Nebenfiguren funktionieren, weil sie nicht auf ihre Funktion reduziert werden. Fridtjof ist nicht nur "der verschrobene Vater", Fiete nicht nur "der lustige Bestatter", Mills nicht nur "die mürrische Kommissarin". Sie haben eine Eigenständigkeit, die der Geschichte Tiefe gibt.
Und der norddeutsche Humor – diese Mischung aus Trockenheit und Wärme – bleibt auf der richtigen Seite der Ironie. Das ist schwer zu treffen, und hier gelingt es.
Was fehlt: Mut
Mein größtes Problem mit diesem Buch ist nicht, was es tut, sondern was es nicht tut. Es spielt zu sicher.
Der Autor hat eine starke Prämisse, interessante Figuren, eine clevere Plotkonstruktion. Aber er traut sich nicht, schneller reinzugehen. Er erklärt zu viel, zeigt zu wenig. Er gibt uns die Figuren auf dem Silbertablett, statt uns selbst entdecken zu lassen, wer sie sind.
Und das ist schade. Denn sobald die Geschichte Fahrt aufnimmt, merkt man: Das hätte auch früher funktioniert. Die Leser sind nicht dumm. Wir brauchen keine drei Szenen, um eine Figur zu verstehen. Wir können Informationen im Flug aufschnappen, während die Handlung läuft.
Gutes Storytelling vertraut den Lesern. Dieses Buch tut das erst ab der Hälfte.
Für wen funktioniert das Buch?
Wenn ihr Geduld habt und bereit seid, den holprigen Start auszusitzen, bekommt ihr einen soliden Mystery-Thriller mit einer originellen Prämisse. Die Kombination aus Trauerredner und Detektivarbeit ist frisch genug, um sich von der Masse abzuheben. Die norddeutsche Atmosphäre funktioniert, die Figuren haben Substanz, und die Spannung ist echt, sobald sie einsetzt.
Aber: Das ist kein Buch für Leute, die sofort gepackt werden wollen. Das ist ein Slow Burn, der erst zündet, wenn man ihm Zeit gibt.
Aus professioneller Sicht würde ich mir wünschen, dass der Autor beim nächsten Mal mutiger ist. Weniger Setup, mehr Action. Weniger Erklärung, mehr Vertrauen. Die Grundlagen sind da – jetzt muss er nur noch den Mut haben, schneller zur Sache zu kommen.
Fazit: Durchhalten lohnt sich
4 von 5 Sternen – mit Abzug für den zähen Start.
Ich bin froh, dass ich nicht abgebrochen habe. Die zweite Hälfte des Hörbuchs hat mich komplett eingesaugt, und der Cliffhanger lässt mich ungeduldig auf eine Fortsetzung warten. Mads als Trauerredner-Detektiv ist eine Figur mit Potenzial, und die norddeutsche Setting hat Charme.
Aber ich wünschte, der Autor hätte mir mehr vertraut. Hätte früher losgelegt. Hätte weniger erklärt und mehr gezeigt.
Trotzdem: Wer geduldige Leser sucht und Lust auf einen Mystery-Thriller mit Herz und norddeutschem Humor hat – durchhalten lohnt sich.
Habt ihr auch schon mal ein Buch fast abgebrochen und dann war es richtig gut? Oder seid ihr Team "Wenn es mich nicht sofort packt, lege ich es weg"? Erzählt mir in den Kommentaren!