Stalking Jack the Ripper: Zwischen Gerichtsmedizin und gesellschaftlichen Konventionen – ein historischer Thriller, der überrascht
London, 1888. Während Jack the Ripper die Straßen von Whitechapel unsicher macht, führt Audrey Rose Wadsworth ein gefährliches Doppelleben. Tagsüber die brave Tochter eines Lords, nachts heimlich im Labor ihres Onkels, um Gerichtsmedizin zu studieren. Kerri Maniscalcos Debütroman "Stalking Jack the Ripper" verspricht historischen Thriller mit feministischem Twist – und liefert größtenteils.
Direkter Einstieg ohne Umschweife
Was mich sofort gepackt hat: Die Autorin verschwendet keine Zeit. Keine 20 Seiten Weltenbau, keine langatmige Einführung in die viktorianische Gesellschaft. Man landet mitten im düsteren London, mitten in Audreys Welt zwischen Korsetts und Leichen. Dieser direkte Einstieg zeigt Vertrauen ins eigene Storytelling – ein Zeichen, dass hier jemand schreibt, der sein Handwerk versteht.
Audrey Rose ist von Anfang an präsent. Keine passive Protagonistin, die von den Ereignissen mitgerissen wird, sondern eine junge Frau mit klaren Zielen und der Bereitschaft, dafür Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Ihre Faszination für Gerichtsmedizin ist nicht aufgesetzt oder als bloße Rebellion inszeniert – es ist echte Leidenschaft, und das merkt man jeder Seite an.
Slow Burn Romance, die nicht überschattet
Thomas Cresswell, der arrogante, aber brillante Mitstudent, könnte in weniger erfahrenen Händen zum störenden Love Interest verkommen. Hier funktioniert die Romance anders. Sie entwickelt sich langsam, organisch, und – das ist das Wichtigste – sie übernimmt nicht die Handlung. Der Thriller bleibt dominant. Die Ermittlungen rund um Jack the Ripper stehen im Zentrum, die romantischen Untertöne sind Beiwerk, nicht Hauptsache.
Das ist für historische Fiction ungewöhnlich und verdient Anerkennung. Zu oft kippen Bücher in diesem Genre in reine Romance, sobald ein attraktiver männlicher Charakter auftritt. Hier bleibt Audrey Rose handlungsfähig, bleibt fokussiert auf ihre wissenschaftliche Arbeit.
Wendungen, die sitzen
Die Plottwists haben mich tatsächlich überrascht. Bei meinem Lesepensum eine Seltenheit. Ohne zu spoilern: Das Ende war unerwartet, und die Autorin versteht es, falsche Fährten zu legen, ohne den Leser zu betrügen. Die Hinweise sind da, im Nachhinein logisch, aber gut genug versteckt, dass man sie beim ersten Lesen übersieht.
Die forensischen Details sind präzise genug, um authentisch zu wirken, ohne zu technisch zu werden. Maniscalco hat ihre Recherche gemacht, und das merkt man. Die Balance zwischen historischer Atmosphäre und moderner Lesbarkeit gelingt.
Wo es holpert: Historische Fakten vs. kreative Freiheit
Jetzt zur Kritik. Und die ist nicht unbedeutend: Das Hin und Her zwischen realen historischen Fakten zu den Whitechapel-Morden und komplett erfundenen Elementen war teilweise holprig. Ich verstehe die Notwendigkeit kreativer Freiheit – niemand will eine reine Nacherzählung bekannter Ereignisse lesen. Aber die Übergänge hätten geschmeidiger sein können.
Manchmal fühlte sich die Geschichte unentschlossen an. Will sie historisch akkurat sein oder reine Fiction? Die Vermischung funktioniert nicht immer. Es gibt Momente, in denen reale Details so verwoben werden, dass man als Leser nicht mehr weiß, was Fakt und was Erfindung ist – und das nicht im spannenden, sondern im verwirrenden Sinne.
Aus Lektorensicht hätte ich mir hier klarere Entscheidungen gewünscht. Entweder man nimmt die historischen Ereignisse als loses Gerüst und erzählt seine eigene Geschichte drum herum, oder man bleibt näher an den Fakten. Das Dazwischen bremst den Lesefluss an einigen Stellen.
Nebencharaktere, die mehr Tiefe verdient hätten
Audrey Rose trägt die Geschichte problemlos, aber einige Nebencharaktere bleiben blass. Gerade bei einem Ensemble-Cast im viktorianischen Setting, wo gesellschaftliche Hierarchien und Beziehungen so wichtig sind, hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht. Der Vater, der Onkel, selbst einige der Verdächtigen – sie fühlen sich manchmal wie Versatzstücke an, nicht wie vollständig ausgearbeitete Charaktere.
Das ist besonders schade, weil gerade diese Figuren das gesellschaftliche Spannungsfeld hätten vertiefen können, in dem Audrey sich bewegt. Ihr Kampf zwischen den Erwartungen ihrer Klasse und ihren eigenen Ambitionen hätte durch stärkere Gegenspieler noch mehr Gewicht bekommen können.
Fazit: Solider Reihenauftakt mit Potenzial nach oben
"Stalking Jack the Ripper" ist kein perfektes Buch. Die historischen Ungenauigkeiten und die teilweise blassen Nebencharaktere schmälern den Lesegenuss. Aber – und das ist wichtig – es ist ein guter Reihenauftakt. Die Atmosphäre stimmt, die Protagonistin überzeugt, und die Mischung aus Forensik, historischem Setting und Romance funktioniert.
Als Lektorin sehe ich die Schwächen. Als Leserin hatte ich trotzdem Spaß. Die Geschichte hat mich unterhalten, die Wendungen haben gesessen, und ich will wissen, wie es mit Audrey Rose weitergeht. Das ist letztendlich das, was zählt.
Für Fans historischer Thriller mit starken Frauenfiguren eine klare Empfehlung – mit der Erwartung, dass man über einige historische Freiheiten hinwegsehen sollte. Wenn euch viktorianisches London, forensische Details und eine Protagonistin interessieren, die sich nicht an Konventionen hält, greift zu.
Wenn ihr absolute historische Akkuratesse erwartet, werdet ihr frustriert sein. Aber wenn ihr bereit seid, euch auf die Geschichte einzulassen, wartet ein unterhaltsamer Thriller mit Herz.
4 von 5 Sternen – solide, spannend, mit Luft nach oben