Cursebound von Saara El-Arifi: Wenn Fantasy sich Zeit lässt – und es sich lohnt

Es gibt Bücher, die einen sofort packen. Und es gibt Bücher, die einen Test der Geduld darstellen, bevor sie zeigen, was wirklich in ihnen steckt. "Cursebound", der zweite Band von Saara El-Arifis Fae-Saga, gehört zur zweiten Kategorie.

Als ich das Buch aufschlug, war ich gespannt. Der erste Band hatte eine faszinierende Welt etabliert, auch wenn vieles im Nebel blieb. Jetzt sollte es weitergehen: Yeeran kehrt aus dem Exil zu ihrem Elfenvolk zurück und sucht ihre ehemalige Geliebte Salawa auf, die mittlerweile das Oberhaupt ist. Ihr Bericht über das Reich der Fae klingt unglaublich, doch Salawa folgt ihr. Parallel dazu entkommen Lettle und Rayan einem Attentat bei den Fae und müssen fliehen. Das Schicksal führt alle zusammen, und gemeinsam schwören sie, den Fluch der Fae zu brechen und ihre Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Der holprige Start

Ich will ehrlich sein: Der Anfang hat mich auf eine Geduldsprobe gestellt. Die ersten Kapitel drehen sich in inneren Konflikten, die immer wieder dieselben Kreise ziehen. Yeeran zweifelt, Salawa zweifelt, alle zweifeln – aber es passiert zu wenig, um diese Zweifel voranzutreiben. Als Lektorin sehe ich das Problem: Die Charaktere verharren zu lange im Status quo, bevor echte Entwicklung einsetzt.

Was mich noch mehr gestört hat: das ständige Verheimlichen von Informationen. Charaktere wissen Dinge, sagen sie aber nicht. Nicht aus nachvollziehbaren Gründen, nicht weil es ihrem Charakter entsprechen würde, sondern weil die Handlung es braucht. Das ersetzt echte Gespräche durch künstliche Dramatik und macht Situationen unnötig kompliziert. Es fühlt sich konstruiert an – wie eine Krücke, die die Spannung aufrechterhalten soll, statt sie organisch aus den Charakteren und der Situation zu entwickeln.

Im ersten Drittel habe ich mehr als einmal überlegt, ob ich weiterlesen soll.

Der Wendepunkt: Wenn alles zusammenkommt

Aber dann – dann dreht die Geschichte auf. Ab dem Wendepunkt geht es Schlag auf Schlag. Intrigen entfalten sich, Verrat schockiert, politische Machtkämpfe eskalieren. Und plötzlich merkt man: El-Arifi kann das wirklich. Sie kann komplexe Beziehungen zeichnen, die unter Druck geraten. Sie kann politische Verstrickungen so inszenieren, dass man mitfiebert. Sie kann emotionale Momente schaffen, die unter die Haut gehen.

Die Spannung zwischen Yeeran und Salawa, die alte Liebe, die nicht verschwunden ist, aber von Misstrauen überschattet wird – das ist glaubwürdig und intensiv. Lettle und Rayan, die vor einem Attentat fliehen und dabei ihre eigene Beziehung neu verhandeln müssen – auch hier stimmt die Balance zwischen Action und Emotion.

Was mich besonders gefreut hat: Das Magiesystem wird endlich greifbar. Im ersten Band blieb vieles nebulös und schwer zu fassen. Hier bekommt man Erklärungen, die Sinn ergeben. Die Magie folgt Regeln, hat Konsequenzen, lässt sich nachvollziehen. Das macht das Worldbuilding deutlich dichter und die Welt insgesamt glaubwürdiger.

Charaktere zwischen Liebe und Pflicht

Die vier Hauptcharaktere müssen alle eine unmögliche Entscheidung treffen: Liebe oder Pflicht? Persönliche Gefühle oder die Verantwortung für ihr Volk? Diese Zerrissenheit ist ein klassisches Fantasy-Thema, aber El-Arifi inszeniert sie vielschichtig. Yeeran liebt Salawa, aber kann sie ihr trauen? Salawa will ihre Verantwortung als Oberhaupt gerecht werden, aber was bedeutet das in einer Welt am Abgrund? Lettle und Rayan sind zwischen zwei Welten gefangen, zwischen Fae und Elfen, zwischen alten Loyalitäten und neuen Allianzen.

Das Problem: Diese inneren Konflikte drehen sich manchmal zu lange im Kreis. Die Charaktere denken immer wieder über dieselben Fragen nach, ohne wirklich weiterzukommen. Das bremst das Tempo und macht die erste Hälfte zäher, als sie sein müsste. Als Autorin weiß ich: Manchmal muss man Charaktere mit sich hadern lassen. Aber es braucht Entwicklung, Veränderung, Fortschritt. Sonst wird es repetitiv.

Worldbuilding und Magie: Der Sprung nach vorne

Was "Cursebound" für mich rettet, ist das verbesserte Worldbuilding. Die Welt zwischen Elfen und Fae bekommt klarere Konturen. Die Kulturen der beiden Völker werden greifbarer, ihre Traditionen nachvollziehbarer. Man spürt, dass hier eine Welt existiert, die über die unmittelbare Handlung hinausreicht.

Besonders das Magiesystem hat mich diesmal überzeugt. Im ersten Band war die Magie oft ein Deus ex Machina – sie tauchte auf, wenn die Handlung sie brauchte, ohne dass man wirklich verstand, warum oder wie. Hier gibt es Regeln. Man versteht, was die Magie kann und was nicht. Man sieht die Konsequenzen ihres Einsatzes. Man begreift, warum der Fluch der Fae so gefährlich ist und warum es so schwer ist, ihn zu brechen.

Das ist handwerklich ein deutlicher Fortschritt. Es zeigt, dass El-Arifi ihre Welt weiterentwickelt und nicht nur auf visueller Ebene denkt, sondern auch die Mechaniken dahinter durchdacht hat.

Intrigen, Verrat und emotionale Momente

Die zweite Hälfte des Buches lebt von ihren Twists. Verrat kommt aus unerwarteten Ecken, Allianzen zerbrechen, neue Bündnisse entstehen. Das ist nicht immer subtil inszeniert, aber es funktioniert. Die Schockmomente treffen, die emotionalen Szenen gehen unter die Haut.

Was mich als Lektorin freut: Die emotionalen Beats sind präzise gesetzt. Sie überwältigen nicht durch schiere Menge, sondern treffen an den richtigen Stellen. Eine Szene zwischen Yeeran und Salawa, in der altes Vertrauen auf neue Zweifel trifft. Ein Moment zwischen Lettle und Rayan, in dem klar wird, was sie füreinander bedeuten. Diese Momente funktionieren, weil sie verdient sind – weil die Charaktere bis hierhin einen Weg gegangen sind, der genau zu diesem Punkt führt.

Das Problem mit dem Informationsvorhalten

Ich muss nochmal auf diesen Punkt zurückkommen, weil er mich wirklich gestört hat. Zu oft werden in diesem Buch wichtige Gespräche nicht geführt, weil Charaktere Informationen zurückhalten. Nicht, weil sie einen guten Grund haben. Nicht, weil es ihrem Charakter entspricht. Sondern weil die Handlung es braucht.

Das ist ein erzählerisches Muster, das ich in vielen Fantasy-Romanen sehe, und es nervt mich jedes Mal. Echte Spannung entsteht nicht dadurch, dass Charaktere nicht miteinander reden. Echte Spannung entsteht dadurch, dass Charaktere unterschiedliche Ziele haben, dass Konflikte unauflösbar scheinen, dass Entscheidungen Konsequenzen haben.

Wenn Charaktere wichtige Informationen verschweigen, nur damit es später einen Plottwist geben kann, fühlt sich das manipulativ an. Es untergräbt die Charaktere und macht sie weniger glaubwürdig. Und es ersetzt echte Konflikte durch künstliche.

Fazit: Geduld wird belohnt

"Cursebound" ist kein perfektes Buch. Es hat einen langsamen Start, kreisende innere Konflikte und ein nerviges Muster des Informationsvorhaltens. Aber es hat auch eine packende zweite Hälfte, ein verbessertes Magiesystem und emotionale Momente, die funktionieren.

Für mich war es ein Buch, das Geduld brauchte. Ich musste mich durch die ersten 150 Seiten arbeiten, bevor es wirklich losging. Aber dann hat es mich belohnt. Die politischen Intrigen, die komplexen Beziehungen, die drohende Vernichtung beider Völker – all das funktioniert, sobald die Geschichte ihren Rhythmus findet.

Wenn ihr den ersten Band mochtet und bereit seid, einem Buch Zeit zu geben, dann ist "Cursebound" eine solide Fortsetzung. Es zeigt, dass El-Arifi ihr Handwerk versteht und ihre Welt weiterentwickeln kann. Der Zauber beginnt diesmal leiser, aber er ist da.

4 von 5 Sternen – für die zweite Hälfte allein hätte es fast die vollen 5 gegeben.

Für Fans von: A River Enchanted, The Priory of the Orange Tree, komplexen Charakterbeziehungen und ausgefeiltem Magiesystem-Worldbuilding.

Zurück
Zurück

Winterknistern auf Schottisch von Karin Lindberg – Wenn Highland-Romantik auf Gaming-Branche trifft

Weiter
Weiter

Winterherzen in Chanting Hills: Wenn Cotswolds-Charme auf halbgare Handlungsstränge trifft